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„Real easy“ von Marie Rutkoski: Täglich ein kleiner Tod

„Real easy“ von Marie Rutkoski überzeugt als cleverer Whodunit – bei dem es eigentlich um ganz viele ungesühnte Verbrechen geht.

Buchcover „Real easy“ von Marie Rutkoski

Es ist ein ganz besonderer Moment in „Real easy“ von Marie Rutkoski: 22 Marmeladengläser, mit Frauennamen beschriftet und jeweils bis zum Rand mit Sperma gefüllt. Selbst dieser beachtliche Fund im Kühlschrank eines Verdächtigen lässt nicht unbedingt darauf schließen, dass er ein Serienmörder ist. Im Jahr 1999 ermittelt Detective Holly Meylin zusammen mit ihrem Kollegen Victor Amador in dem Mordfall an einer jungen Striptänzerin, bei dem gleichzeitig ihre Kollegin Ruby entführt wird. Beide haben in dem Club Lovely Lady in Fremont, Illinois gearbeitet, auf dessen Umfeld sich fortan die Recherchen konzentrieren. Da die Detectives Ähnlichkeiten mit älteren Mordfällen sehen, gehen sie von einem Wiederholungstäter aus. Sie können eine Stripperin als Informantin gewinnen, die im Club unauffällig nach Hinweisen sucht, und geraten im Wettlauf mit der Zeit trotzdem immer wieder auf falsche Spuren …

Die amerikanische Autorin Marie Rutkoski hat selbst als Stripperin gearbeitet, bevor sie zu einer erfolgreichen Jugendbuchautorin und Literaturprofessorin avanciert ist. Sie kennt das selbstsüchtige Gezicke untereinander und die Szene, in der die Tänzerinnen ständig in Gefahr vor männlichen Übergriffen leben und den Schikanen der Clubbesitzer ausgesetzt sind. Trotzdem versuchen die Frauen, ein halbwegs geordnetes Familienleben zu führen, bekommen aber wenig Unterstützung von ihren Partnern. Diese Hintergründe offenbaren sich aus den Perspektiven der Tänzerinnen, der Detectives, Clubbesucher – und des Mörders. So beschreibt Rutkoski neben der Tätersuche auch vielschichtig die Auswirkungen des alltäglichen Sexismus. Sie zeigt Männer, die nicht nur in der erotisch aufgeladenen Club-Atmosphäre die Zurschaustellung von nackter Haut als Einladung zu Übergriffen missverstehen und nach Chancen suchen, ihre Machtphantasien in der Wirklichkeit umzusetzen. Ist die Cum-Tribute-Sammlung im Kühlschrank also vielleicht doch mehr als nur ein harmloses Hobby?

 

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