Minotaurus im Kino: Düstere Gesellschaft
Mit fast dokumentarischen Bildern zeigt Regisseur Andrei Zvyagintsev die moralische Verwahrlosung der russischen Gegenwart.

Nach außen hin lebt der Russe Gleb (Dmitriy Mazurov) ein perfektes Leben: Mit seiner Familie residiert er in einem noblen Haus am See, die Geschäfte laufen bestens. Doch die Ehe mit Galina (Iris Lebedeva) ist nur noch leere Routine, während Gleb zunehmend von der Vorstellung besessen ist, seine Frau könne ihn mit einem jüngeren Mann betrügen. Und dann greift auch noch der Krieg in der Ukraine, den Putin „Spezialoperation“ nennt, immer stärker in den Alltag des regionalen Oligarchen ein und bringt sein ohnehin instabiles Leben endgültig aus dem Gleichgewicht. Von den Behörden erhält er den Auftrag, 14 seiner Mitarbeiter für den Kriegsdienst zu benennen. Allen Beteiligten ist klar, dass die Männer wohl kaum lebend von der Front zurückkehren werden.
Parallel dazu eskaliert Glebs privater Kontrollverlust. Aus Eifersucht und Misstrauen wird Gewalt, und plötzlich muss Gleb nicht nur die Folgen staatlicher Entscheidungen, sondern auch die einer eigenen Tat bewältigen. Wie er schließlich versucht, das Blut aufzuwischen und die Leiche zu beseitigen, begleitet die Kamera mit stoischer Genauigkeit. Überhaupt nimmt sich der Film des im Exil lebenden russischen Regisseurs Andrei Zvyagintsev ungewöhnlich viel Zeit. In den 140 Minuten geschieht immer wieder scheinbar wenig. Die zurückhaltende Inszenierung wirkt dadurch beinahe dokumentarisch: Gewalt, Korruption und menschliche Kälte werden nicht dramatisch ausgestellt, sondern als erschreckend gewöhnlicher Bestandteil des Alltags gezeigt. So verschränkt der Film, der beim Festival in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, das Private und das Politische zu einem düsteren Gesellschaftsbild. Gleb ist dabei nicht nur ein Mann, der an den Umständen zerbricht; er repräsentiert die moralische Verwahrlosung der Gesellschaft, mit der er sich arrangiert hat.
Film

Sehenswert

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