Ein Märchen namens Mitski
Auf ihrem achten Album singt Mitski über Herzschmerz, Katzen – und die eigene Ermordung.
Es war einmal … ein Mädchen, das davon träumte, seinen Platz in der Welt zu finden. Geboren in Japan, aufgewachsen in allen möglichen Ländern, sollte es schon als Kind zu einem Pop-Idol gemacht werden. Doch stattdessen suchte es sich seinen eigenen Weg, studierte in New York Komposition und brachte zwei Alben heraus. Aber erst das dritte mit dem Titel „Puberty 2“ brachte den großen Durchbruch. Das Mädchen wurde für seine einzigartige Stimme und seine schonungslosen Texte über Liebe, Lust und Schmerz gefeiert, bald galt es im ganzen Land als eine der besten Songwriterinnen seiner Generation. Doch mit dem Erfolg kam auch die Kehrseite: Erfolgsdruck, die erbarmungslos malmenden Räder der Industrie und obsessive Fans, die sich dem Mädchen näher fühlten, als sie wirklich waren. Doch das Mädchen gab nicht auf, es blieb standhaft und suchte weiter und weiter …
Auf „Nothing’s about to happen to me“ wird Mitski düster
Wenn sich diese Einleitung heute, zehn Jahre und vier Platten nach „Puberty 2“, wie ein klischeehaftes Märchen liest, dann ist das hoffentlich im Sinne Mitskis. Denn auch ihr neues Album „Nothing’s about to happen to me“ ist bewusst als lose Konzeptplatte im Stile eines neugotischen, düsteren Märchens strukturiert. Vorbild für das Musikvideo zur Single „Where’s my Phone?“ war Shirley Jacksons letzter Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“, und nicht nur dieser Song fängt dieselbe groteske Atmosphäre ein, in der die dräuenden Kräfte der Natur nie weit sind: In „Charon’s Obol“ lebt ein Mädchen in einem Haus, das von den Hunden ihrer verstorbenen Vorgängerinnen belagert wird, und in „That white Cat“ sinniert sie darüber, dass sie Geld eigentlich vor allem deshalb verdient, um die Wespen, Opossums und eben Katzen zu ernähren, mit denen sie ihr Grundstück teilt.
Country-Schmalz und Mini-Musicals
Aber weil es ein Mitski-Album ist, geht es eben auch ganz viel um Liebe – und meistens um ihre toxischen Aspekte. Auch hier tritt die 35-Jährige in mehreren Rollen auf: Mal schwört sie, sich zu ändern, um die geliebte Person an sich zu binden („Cats“), mal ist sie es, die vom Weggehen fantasiert („If I leave“). Es ist Mitski, wie ihre Fans sie kennen: eine Musikerin, die sich den eigenen Emotionen so schrankenlos überlässt, dass diese Hingabe wieder zu einem Akt des empowerment wird. Musikalisch folgt „Nothing’s about to happen to me“ auf den Vorgänger „The Land is inhospitable and so are we“, das im Kontrast zum spröderen Vorgänger „Laurel Hell“ steht: ein warmer und üppiger Sound dominiert, live eingespielt von ihrer Band The Land, mit Streichern und Flöten, Akkordeon und Blechbläsern, dazu viel Country-Schmalz. Zugleich erinnern einzelne Tracks mit ihren schroffen Gitarren an „Puberty 2“. Tatsächlich könnte dieses Album als das gelten, in dem sie alle Stationen ihrer bisherigen Musiklaufbahn zusammenführt.
Mit „Be the Cowboy“ von 2018 hat Mitski die amerikanischen Mythen aufs Korn genommen, und auch das neue Album spielt mit Geschichten aller Art. Gleich der Opener „In a Lake“ ist quasi ein Mini-Musical in gerade mal drei Minuten, und wenn Mitski darüber singt, dass sie lieber in einer Großstadt leben möchte als in einem Dorf, hört man kurz den Verkehr hupen.
Im Albumhighlight „I’ll change for you“ lässt sie nicht nur Eis klirren und Gäste kichern, während es um das Absacken in einer Bar geht, sondern wird vor einem swingenden Lounge-Track gleich selbst zur Barsängerin. Das Interesse am Narrativen kommt nicht von ungefähr, arbeitet sie aktuell doch an den Songs zur Musical-Version der Netflix-Serie „Das Damengambit“.
Träume vom eigenen Tod
Doch die spannendste Auseinandersetzung mit dem Thema Narrative liefert „Dead Women“, wo Mitski sich verschiedene Szenarien ausmalt, wie sie selbst umkommen könnte: „While I dream of flying, stab me 27 times“. Damit kommentiert sie zugleich die Fetischisierung toter Frauen, die von überlebenden Männern nach Herzenslust instrumentalisiert werden können: „She gave her life, so we could have her in our dreams/She gave her life, so we could fuck her as we please.“
Ob irgendein Branchenhai schon mal von Mitskis tragischem Tod und dem ganzen Profit, den man daraus schlagen könnte, geträumt hat? Entschuldigung, so makaber hat dieser Text gar nicht werden sollen. Andererseits wird Mitski als bekennender Shirley-Jackson-Fan sicher schon mal in diese Richtung gedacht haben. Zum Glück hat sie sich davon nicht beirren lassen und mit „Nothing’s about to happen to me“ gar eines der lebendigsten Alben des Jahres herausgebracht. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann träumt sie noch heute.