Naza im Kino: Töten wie ein Gott
Die neue Doku der „No other Land“-Macher:innen handelt von der systematischen Tötung von Zivilist:innen in Gaza. Er ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig.

Gut, dass „Naza“ nicht auf der Berlinale Premiere gefeiert hat, sondern bei den Filmfestspielen von Venedig, wo der Dokumentarfilm mit 25 Minuten Standing Ovations einen Rekord gebrochen hat. Und gut, dass Claudia Roth nicht im Publikum war, sonst hätte sie sich im Nachhinein wohl wieder von Teilen ihres Applauses distanzieren müssen. Oder vielleicht auch nicht, denn im Gegensatz zu „No other Land“, der bei der Berlinale 2024 für deutschlandweite Debatten über Antisemitismus sorgte, stand diesmal nur die israelische Hälfte des Regiequartetts auf der Bühne. Das ist kein Zufall, denn Yuval Abraham und Rachel Szor, die für „No other Land“ noch mit den palästinensischen Filmemachern Basel Adra und Hamdan Ballal gearbeitet hatten, haben „Naza“ dezidiert „aus dem Gefühl der Verpflichtung heraus gedreht, unsere Position als Israelis zu nutzen“.
Der Blick vom Hochhaus
Auf dem Dach eines Hochhauses in Tel Aviv haben Abraham und Szor Interviews mit IDF-Soldat:innen, militärischen Insider:innen und Geheimdienst-Mitgliedern geführt. Sie alle sind unkenntlich gemacht, was beim Inhalt ihrer Aussagen nicht verwundert: Sie erzählen von Angriffen auf die Bevölkerung im Gazastreifen, bei denen tote Zivilist:innen, Frauen und Kinder nicht nur hingenommen werden, sondern bereits eingepreist sind – der Titel „Naza“ bezieht sich auf Militärslang, der so viel bedeutet wie „Kollateralschaden“.
Im Extremfall soll es dabei um Hunderte von Menschen gehen. Man greife lieber die Wohnhäuser der Hamas-Mitglieder an als ihre Arbeitsorte, weil dort die Wahrscheinlichkeit höher sei, dass sie tatsächlich vor Ort seien – garantiert sei es nicht. Sie erzählen auch von universeller Überwachung und von KI-Zieltechnologie, die das Töten auf einen Klick reduziert. Dass das Vernichten eines ganzen Gebäudes und der Familie darin dadurch wie ein Videospiel sei. Dass es Spaß mache, dass man sich dabei wie Gott fühle. Es ist durchaus denkbar, dass „Naza“ eines fernen Tages gar nicht primär als Dokument zum Nahostkonflikt, sondern als einer der ersten Filme über KI-assistierte Kriegsführung gesehen wird.
Filmisch minimalistisch
Filmisch gehen Abraham und Szor minimalistisch vor, sie zeigen primär die Silhouetten auf dem Dach, manchmal unterbrochen von historischen Clips aus der Zeit der Gründung Israels oder von Netanjahus Fernsehansprachen. Immer wieder filmen sie dabei auch die anderen Gebäude, die vom Dach sichtbar sind, und zeigen die Menschen, die in ihren Wohnungen ihrem Alltag nachgehen. Unkommentiert gelassen, können diese Aufnahmen auf vielfältige Weise interpretiert werden: Wollen die Filmemacher:innen Parallelen zur Überwachung der Bevölkerung von Gaza ziehen?
Oder wollen sie anhand der durch fast alle Fenster sichtbaren Fernsehbildschirme zeigen, dass die Einwohner:innen von Tel Aviv durchgängig der Propaganda der Regierung ausgesetzt sind? Vielleicht ist es auch Aussage genug, dass hier überhaupt Häuser stehen, während in Gaza ganze Blocks auf einmal zerstört werden. Die Bedrohungslage, die auch für Tel Aviv gilt, ist dabei trotzdem spürbar: Mehr als einmal unterbricht Bombenalarm das Interview. Nur kurz vor Schluss werden Aufnahmen aus Gaza selbst gezeigt: zerbombte Gebäude, Trümmer bis zum Horizont, einen Vater, der um seine Kinder weint.
Für die Filmemacher:innen steht die Frage im Zentrum, wie die systematische Entmenschlichung einer ganzen Bevölkerung im Detail vonstatten geht – und sie ziehen dabei explizit Parallelen zu den Genoziden des 20. Jahrhunderts. Dabei sind sie nicht allein: Auch ein Soldat selbst spricht von einem Genozid, allerdings auf Nachfrage Abrahams. Ein anderer denkt über die Nazis nach: „Ich denke noch immer, dass diese Menschen böse waren. Aber was sagt das über mich aus?“ Es ist kein Zufall, dass einer der Produzenten des Films Jonathan Glazer ist: Das Gefühl der Erschütterung, mit dem „Naza“ einen entlässt, ist dem Effekt von Glazers „The Zone of Interest“ nicht unähnlich.
In Israel hagelt es Kritik
In ihrem Heimatland werden Abraham und Szor seit der Veröffentlichung heftig attackiert, ihnen wird Verleumdung vorgeworfen, es gibt die Drohung, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Die IDF widerspricht den ihm Film gemachten Vorwürfen. Und es stimmt zumindest, dass diese alle anonym geäußert werden und es für das Publikum unmöglich ist, sie zu verifizieren oder zu falsifizieren. Auch hierzulande wird es ohne Zweifel Kontroversen geben, sie zeichnen sich jetzt bereits ab. Doch es wäre fatal, aus der elliptischen Form des Films, der den 7. Oktober 2023 nur eingangs erwähnt, abzuleiten, dass er als Dokument wertlos ist – was nicht heißt, dass er nicht zu Debatten führen kann und sogar soll.
Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass viele der im Film besprochenen Informationen bereits im Vorfeld von Medien wie dem Guardian, der an der Produktion von „Naza“ beteiligt war, veröffentlicht wurden. „Naza“ ist also dezidiert kein Enthüllungsfilm, also einer, der neue Fakten ans Licht holen will. Stattdessen will er beleuchten, was diese Fakten mit den Betroffenen machen. Und dieser Ansatz war womöglich nur auf die Art und Weise zu verwirklichen, die Abraham und Szor gewählt haben. In Anbetracht der Umstände wird es wahrscheinlich das letzte Mal gewesen sein, dass die Filmemacher:innen in Israel selbst haben drehen können – umso wichtiger, dass „Naza“ von möglichst vielen Leuten gesehen wird. Auch in Berlin.
Film

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