MUSIK

Neil Young vs. Joe Rogan: Crosby, Stills & Nash schließen sich Boykott an

Neil Young Henry Diltz
Foto: Henry Diltz
  • Nachdem Neil Young Joe Rogans Präsenz auf Spotify kritisiert hat, hat Spotify Konsequenzen gezogen
  • Auf Wunsch des Musikers hat der Streamingdienst dessen Songs von seiner Plattform entfernt
  • Young hatte Rogans Podcast kritisiert, da er Falschinformationen in Bezug auf die Corona-Pandemie verbreite
  • Er hatte Spotify vor die Wahl gestellt, entweder den Podcast oder seine eigene Musik zu löschen
  • Nachdem Neil Young, Joni Mitchell und andere ihre Musik haben löschen lassen, will Spotify nun Podcast-Episoden zum Thema Corona mit einem Leitfaden versehen, der Fake News entgegenwirken soll
  • In einem Video auf Instagram hat Joe Rogan nun die Kontroverse kommentiert
  • Neil Youngs ehemalige Bandkollegen Crosby, Stills & Nash haben es ihm gleichgetan

Vor wenigen Tagen hatte der kanadische Musiker Neil Young sich in einem offenen Brief an sein Management gewandt. Darin hatte er es aufgefordert, seine Songs von der Streamingplattform zu entfernen. Der Grund: Spotify verbreite Falschinformationen zur Pandemie, spezifisch die Impfung gegen das Coronavirus. Als Hauptvertreter dieser Strömung nannte Neil Young den Podcast „The Joe Rogan Experience“. Darin spricht der Host, der ehemalige Comedian und Moderator Joe Rogan, pro Folge mit einem Gast.

In der Vergangenheit ist Rogan immer wieder für seine Äußerungen und die seiner Gäste kritisiert worden, weil er kontroversen und schlicht falschen Meinungen eine Plattform biete und diese oft nicht genügend hinterfrage. Außerdem hat er selbst, als er im Herbst 2021 mit dem Coronavirus infiziert war, öffentlich darüber gesprochen, dass er seine Infektion mit dem Mittel Ivermectin behandle, das keine nachgewiesene Wirkung gegen die Krankheit hat und bei falscher Einnahme toxisch wirken kann. Gleichzeitig hat er sich gegen eine Impfung für „junge, fitte und gesunde“ Leute ausgesprochen.

Entweder Rogan oder Young

Neil Young hat Spotify mit seinem Brief gewissermaßen ein Ultimatum gestellt: entweder Rogan oder er selbst. Doch schon im Vorfeld war abzusehen, wie die Entscheidung ausfallen würde. Immerhin ist Joe Rogans Podcast extrem erfolgreich – und ein großes Investment für Spotify, das sich die Exklusivrechte daran für mehr als 100 Millionen Dollar gesichert hat.

Nun hat Spotify sich nach Neil Youngs Wünschen gerichtet und die Alben und Songs des Musikers entfernt. Auf seiner Webseite hat Young sich bei seinem Label bedankt, das ihn in dieser Entscheidung unterstützt habe. „Spotify repräsentiert 60% meiner gestreamten Musik für Hörer:innen auf der ganzen Welt“, schreibt Young. „Fast jede Aufnahme, die ich je gemacht habe, ist verfügbar – ein Riesenverlust, den meine Firma hinnehmen muss. Doch meine Freunde bei Warner Brothers Reprise standen hinter mir.“

Seine Fans tröstet der Musiker damit, dass sein Repertoire ja noch auf zahlreichen anderen Plattformen verfügbar sei. Er schließt mit einem Appell: „Ich hoffe ehrlich, dass andere Künstler:innen und Plattenfirmen die Spotify-Plattform hinter sich lassen und aufhören werden, Spotifys tödliche Falschinformationen über Covid zu unterstützen.“

Update: Joni Mitchell schließt sich Neil Young an

In seinem Statement hat Neil Young andere Künstler:innen aufgerufen, es ihm gleichzutun und ihre Musik von Spotify zurückzuziehen. Joni Mitchell ist nun dieser Aufforderung gefolgt. Freitagnacht hat sie auf ihrer Webseite ebenfalls ein Statement veröffentlicht. Darin heißt es:

„Ich habe beschlossen, all meine Musik von Spotify zu entfernen. Unverantwortliche Leute verbreiten Lügen, die Menschen das Leben kosten. Ich bin in dieser Sache solidarisch mit Neil Young und der globalen Wissenschafts- und Medizincommunity. – Joni Mitchell“

Außerdem hat die Musikerin einen offenen Brief verlinkt, in dem Wissenschaftler:innen und Mediziner:innen Spotify dazu auffordern, die Verbreitung von Falschinformationen zu beenden.

Update: Spotify will Podcasts über Covid-19 mit Hinweis versehen

Nachdem Neil Young, Joni Mitchell und weitere Künstler:innen – darunter Nils Lofgren, Mitglied von Youngs Band Crazy Horse – ihre Musik von Spotify haben entfernen lassen, hat nun die Streamingplattform reagiert. In einem Statement hat sich CEO Daniel Ek selbst zu Wort gemeldet. Demnach gibt es offenbar nicht die Absicht, Podcasts wie den von Joe Rogan zu löschen oder zu verändern. Stattdessen sollen Episoden, die sich mit dem Thema Covid-19 befassen, mit einem Hinweis gekennzeichnet werden, der zu einer Seite mit wissenschaftlich gesicherten Fakten linkt.

Im Statement schreibt Ek unter anderem: „Es gibt viele Individuen und Sichtweisen auf Spotify, bei denen ich persönlich komplett anderer Meinung bin.“ Doch die Freiheit der Kreativen habe Vorrang: „Es ist mir wichtig, dass wir nicht die Position des Inhaltszensors einnehmen, zugleich jedoch auch, dass es Regeln gibt sowie Konsequenzen für die, die sie brechen.“

Hinter den Kulissen passiere aber mehr, als nach außen hin sichtbar sei. „Wir haben vor vielen Jahren Regeln festgelegt, aber zugegebenermaßen sind wir nicht offen mit der Politik umgegangen, die unsere Inhalte im Großen und Ganzen bestimmt.“ Diese Regeln hat Spotify nun veröffentlicht. Hier könnt ihr sie einsehen.

Zusätzlich will Spotify auch explizit alle Podcast-Episoden, die sich mit Covid-19 beschäftigen, mit einem Hinweis versehen. Dieser linkt zu einem neu eingerichteten Leitfaden. Diesen beschreibt Ek als „eine Quelle, die einfachen Zugang zu datenbasierten Fakten und aktuellen Informationen sichert, die von Wissenschaftler:innen, Ärzt:innen, Akademiker:innen und Gesundheitsverantwortlichen auf der ganzen Welt geteilt werden, sowie Links zu vertrauenswürdigen Quellen.“

Update: Joe Rogan entschuldigt sich in Instagram-Video

Joe Rogan hat ein zehnminütiges Video auf Instagram hochgeladen, in dem er auf die aktuelle Kontroverse um seinen Podcast Bezug nimmt. Es sei nicht seine Absicht, Falschinformationen zu verbreiten, sagt er darin. Vielmehr wolle er alle Perspektiven zu einem Thema wiedergeben. In Bezug auf Covid-19 etwa habe er nicht nur mit Impfgegner:innen gesprochen, sondern auch mit -befürwortern. Doch in Zukunft wolle er besser auf die Reihenfolge seiner Gäste achten.

Zudem macht Rogan klar, dass er keinen Groll gegen Neil Young hegt. „Ich bin schon immer ein Fan gewesen“, sagt er. Auch Joni Mitchell möge er gern – allerdings ist der Song, den er im Video nennt, keiner von ihren. „Wenn ich euch angepisst habe, tut es mir leid“, sagt Rogan zum Ende des Videos. „Wenn ihr den Podcast mögt, vielen Dank.“

Schaut euch den Clip jetzt hier an:

 

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Update: Crosby, Stills & Nash schließen sich Young an

Neil Youngs ehemalige Bandkollegen David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash haben es ihm nun gleichgetan und ebenfalls gebeten, ihre Musik von Spotify entfernen lassen. Die Musiker haben in der Vergangenheit sowohl als das Trio Crosby, Stills & Nash als auch gemeinsam mit Young unter dem Namen Crosby, Stills, Nash & Young performt. Nun haben die drei anderen Künstler ihr Management gebeten, ihre jeweiligen Solokataloge sowie die der verschiedenen Formationen zu entfernen.

Laut Pitchfork haben Crosby, Stills und Nash in einem Statement verlauten lassen: „Wir unterstützen Neil und stimmen ihm darin zu, dass in Joe Rogans Podcast auf Spotify gefährliche Fehlinformationen verbreitet werden. Wir schätzen zwar immer alternative Sichtweisen, aber während einer globalen Pandemie wissentlich Falschinformationen zu verbreiten, hat tödliche Konsequenzen. Bis nichts dafür getan wird, zu zeigen, dass die Sorge um die Menschheit mit Kommerz balanciert werden muss, wollen wir unsere Musik nicht auf derselben Plattform.“

Kritik an Neil Youngs Wechsel zu Amazon

Währenddessen regt sich aus anderer Richtung Kritik an Neil Youngs Vorgehensweise. Denn nachdem der Musiker seine Musik von Spotify hatte löschen lassen, forderte er Fans auf, sie sich stattdessen auf Amazon anzuhören. Dabei hat er offenbar einen Deal mit dem Anbieter gemacht, denn er verspricht neuen Hörer:innen vier kostenlose Monate.

Das hat nicht wenige Fans überrascht, denn während Amazon nicht den Joe-Rogan-Podcast hostet, tut der Onlinegigant nicht unbedingt mehr als Spotify, um die Verbreitung von Falschinformationen zu verhindern. So gibt es auf der Plattform jede Menge Bücher zu kaufen, die Verschwörungstheorien über Corona verbreiten. Schon im Herbst wurde Amazon dafür von Mitgliedern des US-Kongresses kritisiert.

Offenbar hat Neil Young andere Gründe, Amazon Spotify vorzuziehen. Wie der Rolling Stone spekuliert, könnte es sich dabei um die bessere Soundqualität handeln, die Amazon zur Verfügung stellt. Auch könnte es ihm darum gehen, das Quasi-Monopol von Spotify über den Streamingmarkt zu brechen. Spotify ist bekannt dafür, dass es den Künstler:innen sehr wenig Geld pro Stream zahlt. Allerdings erklärt das nicht, warum Young nicht etwa den Service Tidal empfiehlt, obwohl dieser Künstler:innen finanziell besser behandelt.

Ob der Boykott die Nutzer:innen von Spotify überzeugt, ist ohnehin fraglich: Die Aktien von Spotify sind zwar gesunken, in den Abonnements zeichnet sich allerdings ein gegenläufiger Trend ab.

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