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Bierkrieg in München!

Ein Prosit der Gemütlichkeit? Ach was! Erpressung, Mord, Korruption: Das sind jetzt nur drei von vielen möglichen Attributen ähnlichen Kalibers, die auf die Miniserie „Oktoberfest 1900“ zutreffen. Der Schauspieler Maximilian Brückner hat vielleicht Recht, wenn er sagt, dass noch nie in einer deutschen Serie das gesamte Personal so rau dargestellt wurde. Der Sechsteiler „Oktoberfest 1900“ zeigt, was passiert, wenn ein so wichtiger Wirtschaftszweig wie die Bierproduktion vom Kapitalismus mal eben durch die Konzentrationspresse gedreht wird. Die einzelnen Akteure wehren sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel gegen ihre existenzielle Bedrohung.

Oktoberfest 1900Foto: Foto: © BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Dusan Martincek

Kurz zum Plot. Der frühere Nürnberger Puffbesitzer Curt Prank (Misel Maticevic, bekannt aus der Serie „Babylon Berlin“, die Serie kann man hier sehen) kommt nach München und will mit Bierzelten ganz neuer Größenordnung auf dem Oktoberfest den Münchner Biermarkt erobern. Da Prank in seinen Mitteln nicht zimperlich ist, gibt es schon bald tote Katzen und Brauereibesitzer, und schon nach wenigen Wochen herrscht ein Krieg in der Stadt, der alle Schichten erfasst. Gleichzeitig will der alleinerziehende Vater seine Tochter Clara (Mercedes Müller) in die Münchner Gesellschaft einführen.

Oktoberfest 1900

Foto: Foto: © BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Dusan Martincek

Die Serie will aber auch zu viel. Die Schwabinger Kunstszene wird verhandelt, schwule Liebe sorgt für Skandale, Frauen beginnen sich zu organisieren und für ihre Rechte zu kämpfen, ein Bierpreiserhöhung sorgt für Aufruhr – die Serie ist so reich an Geschichten, dass Regisseur Hannu Salonen immer wieder ästhetische Brüche in Kauf nehmen muss beim Verbinden der Handlungsstränge, die ihm neben anderen Autoren auch Ronny Schalk („Dark“) ins Drehbuch geschrieben hat. Steife Dialoge, psychologisch immer wieder schlecht ausgeleuchtete Charaktere und nicht nachvollziehbare Entwicklungen bei den Figuren sind die Folge, ein Schwanken in der Qualität der Serie, wie man es eher selten sieht.

Und doch ist „Oktoberfest 1900“ sehenswert. Das Barocke an der Erzählung, das Überbordende an Handlung sorgen nicht nur für Störer im Genuss der Serie, die Wucht der Geschichte überwältigt auch die Zuschauer. Ob die Handlung ganz plötzlich in Gewalt kippt, ob Schwabings Künstlerszene eine Kneipe stürmt und bei Drogen und Bier eine wilde Partynacht feiert, bis die Polizei den Laden stürmt: langweilig wird einem hier nicht. Und schon gar nicht bei der Auseinandersetzung zwischen Curt Prank und der Brauereibesitzerin Maria Hoflinger (Martina Gedeck, Foto).

Schon vor Wochen haben die Münchner Wiesenwirte in der Bild-Zeitung schwer ausgeteilt mit Vorwürfen gegenüber den Verantwortlichen der Serie. Mit Mord, Korruption und Erpressung wollen sie nichts zu tun haben, auch nicht historisch. Sogar die Politik hat sich in der Sache schon zu Wort gemeldet. Da hatten sie alle die Serie noch gar nicht gesehen. Das wird noch lustig. Garantiert. jw