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Film

Primetime im Kino: Wie konnte das passieren?

Robert Pattinson spielt Chris Hansen, der fürs Fernsehen pädophile Männer überführt. Bis die Sendung eskaliert …

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(Foto: Courtesy of A24)

Es gab einmal eine Zeit, da hätte Chris Hansen den meisten wohl einfach als Held gegolten. Und auch der Chris Hansen (Robert Pattinson), dem wir in „Primetime“ begegnen, trifft regelmäßig auf Fans, die in ihm einen Vertreter göttlicher Gerechtigkeit sehen. Mit seiner Show „To catch a Predator“, die Hansen 2004 als Segment der Nachrichtensendung „Dateline NBC“ startete, sorgte er für Aufsehen, Kontroversen – und vor allem verdammt hohe Einschaltquoten. Hansen und sein Team gaben sich online als Minderjährige aus, um pädophile Straftäter anzulocken. Wenn diese dann zu einem Treffen mit den vermeintlichen Kindern kamen, warteten stattdessen Hansen und seine Kameras – und die Polizei. Doch 2008 wurde „To catch a Predator“ eingestellt, nachdem einer dieser Männer Suizid beging, während das Fernsehteam und die Polizei vor der Tür warteten. Wie es dazu kommen konnte, darum geht es in „Primetime“, dem Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Lance Oppenheim.

Spannend ist das schon deshalb, weil erst 2025 mit „Predators“ eine gefeierte Dokumentation zu genau diesem Thema erschienen ist. Man kann sich durchaus fragen, was „Primetime“ der Debatte noch hinzuzufügen hat. Doch gleich zu Beginn räumt Oppenheim alle Gedanken an Dokus, seine oder die anderer Leute, aus dem Weg. Ohnehin war er nie ein klassischer Dokumentarfilmer, wie auch „You can see everything“ seine jüngst angekündigte Zusammenarbeit mit Nathan Fielder, hinlänglich beweist. Und „Primetime“ handelt zwar unter anderem von der Beziehung zwischen Realität und reality TV, ist aber trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – in Sachen Bildsprache, Drehbuch und Sound eindeutig, fast aggressiv fiktiv. Oder vielleicht passt ein Wort wie hyperrealistisch besser: Oppenheim arbeitet mit übersättigten Farben, mit Close-ups, mit Bildschirmen und Kameras, um uns nie vergessen zu lassen, dass wir etwas Künstliches sehen.

„Primetime“: Absichtlich irritierend

Das kann und soll irritieren, insbesondere in Kombination mit den akribisch recherchierten und inszenierten Elementen. Allen voran Pattinsons Performance als Chris Hansen, dessen unverkennbare Stimme und Sprechweise er sich laut Interviews lange erarbeiten musste. Zugleich ist genau diese Sprechweise, wie der Film bereits in der ersten Szene zeigt, von Hansen selbst ausgiebig geprobt worden, bevor er vor die Kameras trat. In einer der witzigsten Szenen des Films, der von tiefschwarzem Humor durchzogen ist, meldet sich Hansen am Telefon mit seiner Frau als „Chris Hansen“, weil er seinen Vornamen gar nicht mehr ohne Nachnamen denken kann. Andere bitterböse Pointen: Der Polizist, der Hansen einen Fanbrief schreibt, isst gern bei Subway – vor einem Cutout von Jared Fogle. Und als das Team glaubt, einen ganz großen Fang an der Angel zu haben, sagt jemand: „Das hier könnte der Präsident sein!“

Doch nicht nur Pattinson, längst einer der gefeiertsten Schauspieler seiner Generation, dürfte für Begeisterungsstürme sorgen. Vielleicht noch besser ist Merritt Wever als Produzentin, die im Gegensatz zu Hansen keinerlei Illusionen hat, worum es bei „Predator“ wirklich geht: nicht um Gerechtigkeit, sondern um Quote. Und dann ist da noch Dan Plumb (Skyler Gisondo), ein junger Schauspieler, der noch jünger aussieht und von Hansen als Lockvogel rekrutiert wird, der sich als kleiner Junge ausgeben soll. Dass Hansens einschmeichelndes Gehabe gegenüber dem naiven Plumb Parallelen zu dem Grooming der vermeintlichen Teens in „To catch a Predator“ hat, ist dabei alles andere als ein Zufall, und wenn überhaupt eine der Hauptfiguren unsere Sympathie verdient hat, dann ist es Plumb.

Ist das fair?

Er steht ziemlich allein da, denn Oppenheim gibt sich alle Mühe, die anderen Figuren in ein denkbar schlechtes Licht zu rücken. Und  das buchstäblich: Die grellen Farben und unangenehm nahe Kamera lassen die Welt von „Primetime“ wie einen schäbigen Thriller aus den 70ern wirken. Wenn Xavier von Erck (Matthew Maher), der für Hansen die potenziellen Vergewaltiger im Internet findet, seine Arbeit macht, tut er das schwitzend und in Unterwäsche. Der Ekel, den wir dabei empfinden, gilt weniger den Männern in den Chatrooms, sondern Xavier selbst.

Ist es fair, dass Oppenheim diese Parallelen zieht und die Vigilanten so eindeutig verurteilt, während die pädophilen Verbrecher ihn kaum zu interessieren scheinen? Das ist eine der unbequemen Fragen, die man sich beim Schauen stellen muss. Vielleicht kann man sie folgendermaßen beantworten: Gerade weil Hansen und sein Team so eindeutig auf der richtigen Seite stehen, gerade weil sie von der breiten Öffentlichkeit und auch der Polizei bedingungslose Unterstützung erhalten, wäre es ihnen möglich gewesen, verantwortlich mit dieser Macht umzugehen. Stattdessen sehen wir „To catch a Predator“ als ein perfekt betriebenes System, das sich längst von hehren Zielen verabschiedet hat und zu einem Mechanismus verkommen ist, um Geld und Geltung zu erzeugen.

Im Zentrum dieses Systems sitzt, ein wenig wie eine Spinne im Netz, natürlich Chris Hansen. Diesen spielt Pattinson, der schon in Filmen wie „Die Odyssee“ seine Freude an schmierigen Figuren demonstriert hat, dezidiert nicht als tragischen Helden, dessen anfänglich gute Absichten dank der Verführung durch Macht und Geld korrumpiert werden. Seinem Hansen geht es von Anfang an um sich selbst, namentlich um seinen unstillbaren Wunsch, als Journalist ernst genommen zu werden, was sich in krankhafter Eifersucht auf seinen Kollegen Stone Philipps äußert. Wie tief Hansens Geltungsdrang wirklich reicht, wird in einer späten Konfrontation mit Dan deutlich, die so grotesk wie lächerlich ist.

Hansen ist nicht Patrick Bateman

Insofern erinnert „Primetime“ an andere Satiren über ambitionierte Männer, die über Leichen gehen, insbesondere solche, in denen dieser Charakterzug schon zu Beginn sichtbar ist – Filme wie „American Psycho“ oder „Nightcrawler“. Nur mit dem Unterschied, dass wir bei „Primetime“ von Anfang an wissen, wie alles enden wird, was die Faszination mit der Eskalation einschränkt, die einen Teil des Reizes dieser anderen Filme ausmacht. Was die Frage aufwirft: Was bleibt „Primetime“, wenn sowohl der analytische Anspruch als auch das Überraschungsmoment wegbrechen? Ist das alles nur ein besseres YouTube-Essay, das eine bekannte Geschichte noch mal für eine neue Zielgruppe durchkaut, oder eine gut gefilmte Fingerübung?

Nein, denn „Primetime“ trifft durchaus eine Aussage – nur eben eine, die zutiefst zynisch und unbequem ist. Die Tragik kommt hier, wie schon bei den alten Griechen, aus der Unausweichlichkeit selbst. Nur treten hier Geld und Quoten an die Stelle des Schicksals. In dem Moment, in dem sich „To catch a Predator“ als profitabel herausstellt, kann es keinen Zweifel mehr daran geben, worauf alles am Ende hinauslaufen wird. Und so landen wir tatsächlich ganz in der Nähe von „American Psycho“, einem Film, in dem wir bereits in der ersten Szene alles über Patrick Bateman wissen, was es zu wissen gibt. Nur mit dem Unterschied, dass niemand den Fehler machen wird, Pattinsons Hansen zu glorifizieren, wie es mit Bateman immer wieder passiert. Dazu ist er schlicht zu schmierig.

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