Robyn über Künstliche Befruchtung und ihre Vorbildrolle im Pop
Die heutige Poplandschaft würde ohne Robyn ganz anders aussehen. Finden alle – außer Robyn. Wir haben mit der Schwedin über ihr neues Album „Sexistential“ gesprochen.
Robyn, während sich viele Popstars momentan dem Dancefloor zuwenden, gehst du mit „Sexistential“ ein Stück in die andere Richtung: Im Vergleich zu deiner letzten Platte „Honey“ aus dem 2018 setzt du wieder verstärkt auf klassisches Pop-Songwriting. Schwimmst du einfach gern gegen den Strom?
Robin Carlsson: Tatsächlich waren einige der Songs schon damals präsent, aber sie haben einfach nicht auf „Honey“ gepasst. „Light up“ habe ich etwa vor zehn Jahren geschrieben, auch „Dopamine“ ist ungefähr so alt. Unterschiedliche Alben haben unterschiedliche Vibes, und bei „Honey“ ging es eben stärker um den Klub. Jetzt wollte ich wieder mehr Richtung Pop.
„Sexistential“: Nach acht Jahren ist Robyn zurück
War es eine schwierige Kehrtwende? Immerhin hat es acht Jahre gedauert.
Carlsson: Bei „Honey“ habe ich bewusst für einen bestimmten Sound entschieden, aber die Art von Musik auf „Sexistential“ liegt mir wohl am meisten. Ich bin besessen von Melodien, die lange vorhalten. Die zu finden ist schwierig, es dauert lange – aber damit habe ich kein Problem. (lacht)
Dabei klingen die Melodien auf „Sexistential“ ja so mühelos, als wären sie dir im Schlaf erschienen.
Carlsson: So was kann es auch geben, „Dancing on my own“ ist ganz schnell dagewesen. Aber das ist selten. Ich mache ja auch immer wieder lange Pausen vom Schreiben, wenn ich zum Beispiel auf Tour bin. Es kann dann Jahre dauern, bis ich wieder reinfinde.
Wie leicht ist es dir dieses Mal gefallen?
Carlsson: Ich würde sagen, die Herausforderung für mich und meinen langjährigen Produzenten Klas Åhlund war, zu etwas zurückzukehren, das wir sehr gut beherrschen, ohne uns zu wiederholen.
Wahrscheinlich vor allem bei „Blow my Mind“, oder? Das ist ja buchstäblich ein Song aus dem Jahr 2002, den ihr neu aufgelegt habt.
Carlsson: Das war aufregend! Ich habe diesen Song schon immer geliebt. So ein Lied ist schwierig zu schreiben, weil es repetitiv ist, aber nie die Lebendigkeit verlieren darf. Das haben gute Melodien und gute Tanzmusik gemeinsam. Mir werden aktuell viele Fragen gestellt, was die Texte auf dem Album angeht, und das verstehe ich total, denn es geht ja um existenzielle Themen. Aber für mich ist die musikalische Seite ebenso bewusst und durchdacht.
Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nach diesen Themen frage …
Carlsson: Ach was, das ist völlig okay! (lacht) Ich bin ja selber schuld.
Robyn: „Ich habe entschieden, durch künstliche Befruchtung ein Kind zu bekommen.“
Natürlich ergänzt sich beides, zum Beispiel bei „Blow my Mind“: Der war ja im Original ein Liebeslied, diese neue Version richtet sich allerdings an deinen Sohn – und klingt auf einmal viel kratziger. Das sagt viel über Mutterschaft aus, ohne explizit zu werden.
Carlsson: Während der Arbeit an diesem Album habe ich entschieden, durch künstliche Befruchtung ein Kind zu bekommen, und war zugleich in der Datingszene aktiv. Der Widerspruch ist dabei das Aufregende. Wie schon bei „Dancing on my own“, einem traurigen Liebeslied über einem Four-to-the-Floor-Beat. Dabei gilt aber auch: Je spezifischer das Thema, desto schwieriger wird es, diese Balance hinzukriegen. (lacht)
Im Titeltrack wirst du am spezifischsten. Ist die witzige Anekdote, wo du deiner Ärztin deinen idealen Samenspender nennst und sie Adam Driver mit Adam Sandler verwechselt, wirklich so passiert?
Carlsson: Das war ein echtes Gespräch. Es gab viele komische, alberne Situationen, in denen ich mich beim Navigieren zwischen diesen Extremen wiedergefunden habe. Der Titel „Sexistential“ versucht, diese Dualität in ein Wort zu übersetzen. Es gab nicht wirklich Beispiele, auf die ich mich bei dieser Erfahrung beziehen konnte. Dabei hat es sich sehr klaustrophobisch angefühlt, wie die Leute von außen auf meine Entscheidungen geschaut haben, weil ich wusste, dass es viel komplexer und interessanter ist.
Wie fühlst du dich generell mit dem Blick von außen? Gerade heute, wo die Verbindung von Klubmusik und introspektivem Pop so sehr im Mainstream angekommen ist, wirst du ja oft als Vorreiterin bezeichnet.
Carlsson: Diese Art von Musik habe ich schon immer geliebt, und ich habe sie keinesfalls erfunden. Es gibt viele Beispiele von Menschen, die vor mir genau das gemacht haben – Bronski Beat, Yazoo, Eurythmics, Prince. Es gibt einen endlosen Kanon von traurigen, aber tanzbaren Liebesliedern. Aber vielleicht haben die Leute die Beziehung dazu zwischenzeitlich verloren, zumindest im Pop. Für mich war es immer das Naheliegendste – alles, was ich hören, und alles, was ich tun wollte. Deshalb bin ich immer überrascht, wenn es um meinen angeblich so großen Einfluss auf die Popmusik geht: Ich freue mich total über das Kompliment, aber ich kann es gar nicht annehmen.