Sassy 009 – Lizenz zum Träumen
Soundcloud-Ästhetik und Pophymnen: Sassy 009 lässt ihre Träume klingen – und erinnert dabei an eine andere Doppelnullagentin.
Jeder kennt das: Man hatte einen spektakulären Traum, will diesen unbedingt mit jemandem teilen, doch das Gegenüber fiebert so gar nicht mit. Die eigenen Träume sind in allererster Linie immer nur für eine Person spannend: man selbst. Umso bemerkenswerter, dass sich die norwegische Elektropopkünstlerin und Soundbastlerin Sassy 009 mit ihrem Debütalbum „Dreamer+“ nun anschickt, ihre eigenen Träume in Sound und Text zu gießen, wir staunend und kopfnickend danebenstehen – und plötzlich selbst durch Sphären gleiten.
Gleich der Opener „Butterflies“ schießt uns mit Motorengehäul und einem Sound, der sich jeder Räumlichkeit entzieht, tief ins Unterbewusstsein von Sunniva Lindgård, wie Sassy 009 eigentlich heißt. Es folgt ein wilder Ritt auf bedrohlichen Breakbeats, TripHop-Drums und glitchy Elektro-Texturen. Es rauscht, dröhnt und hallt, mal scheppernd, mal dumpf. Und Grunge- und Shoegaze-Gitarren ringen mit Lindgårds in Autotune gehüllten Gesang. Ihr selbst sei es ein Anliegen gewesen, nicht in 200 Spuren verloren zu gehen – und das ist der Osloerin eindrucksvoll gelungen. Denn obwohl „Dreamer+“ ein experimentelles und mäanderndes Album ist, trägt es eine eigene Handschrift, lebt von Popappeal und liefert mit „Someone“, „My Candle“ und „Enemy“ waschechte Hits, die an 070 Shake aus der „Modus vivendi“-Zeit erinnern. Und genau wie 070 Shake hat auch die norwegische Doppelnull-Soundagentin eine unüberhörbare Soundcloud-Vergangenheit – daher auch der schmissige Künstlername.
Dabei waren Sassy 009 zunächst eine Band. Doch schon nach einer EP trennten sich die Wege des Trios, Lindgård hat zunächst alleine an einem Mixtape weitergeschraubt, gefolgt von einer vierjährigen Kreativpause, die schließlich in dieser kryptischen Kartografie des eigenen Unterbewusstseins münden sollte. „Tell me how to feel/How to breath/How to sleep“, singt die 29-Jährige in „Tell me“, einer düsteren Klagehymne mit Blood Orange. „Dreamer+“ ist auch ein Versuch, wieder Klarheit und Selbstbestimmung zurückzugewinnen. Und so freut man sich fast ein bisschen, als am Ende das erlösende Aufwachen wartet und der wohl schönste Wecker der Welt klingelt: Vogelgezwitscher.