„Sing Sing“: Theater nach der kriminellen Karriere

Kunst an einem kunstfernen Ort: Der Film „Sing Sing“ mit Colman Domingo in der Hauptrolle zeigt, wie Häftlinge im berüchtigten Gefängnis Sing Sing sich mit Theaterspielen Freiheit erarbeiten. Der Film läuft jetzt in den Kinos.
Ganz schön viel Theater in diesem US-Knast: Regisseur Gred Kwedar hat mit echten Insassen des ikonischen Gefängnisses Sing Sing sowie Schauspielern einen intensiven Film über Kunst in einer kunstfernen Welt gedreht.
Schwererziehbare Jugendliche. Internatszöglinge. Arbeitslose. Gefängnisinsassen. Es gibt viele Filme, in denen unterprivilegierte Menschen in Kontakt mit Kunst, Musik, Literatur oder Theater kommen, meist finden die Protagonist*innen dabei zu sich selbst und werden irgendwie zu besseren Menschen. Auf den ersten Blick ist Greg Kwedars „Sing Sing“ auch so ein Film: Kwedar porträtiert Gefangene im titelgebenden US-Gefängnis, die im Rahmen des Programms „Rehabilitation through the Arts“ Theater spielen. Bessere Menschen werden sie dadurch freilich nicht, auch auf ihre kriminelle Karriere hat das Engagement keinen direkten Einfluss. Aber dafür interessieren sie sich tatsächlich dafür, was sie hier machen, die Freiheit, die ihnen am Ende winkt, ist die Freiheit der Beschäftigung mit Kunst. Kwedar wählt für seine Geschichte einen nüchternen, fast dokumentarischen Stil: Dramatische Höhepunkte im engeren Sinn gibt es keine, Musik wird äußerst sparsam eingesetzt. Dafür punktet der Film mit einer großen Dosis Authentizität: Vor der Kamera agieren großteils echte Gefängnisinsassen, nur einzelne Figuren wie der Hauptprotagonist John Whitfield oder der externe Theaterlehrer Brent Buell (auch der eine reale Person, der am Drehbuch mitgeschrieben hatte) werden mit schonungsloser Intimiträt von Colman Domingo („Die Farbe Lila“, „Rustin“) und Paul Raci (Oscarnominierung für „The Sound of Metal“) gespielt. Ja, es gibt viele Filme über Kunst in einer kunstfernen Welt. Aber es gibt wenige, die sich den Konventionen des Genres so konsequent und klug verweigern wie dieser.