Zum Inhalt springen

Sziget 2022: Willkommen auf der Insel der Freiheit

Das Budapester Sziget Festival darf nach zwei Jahren Pause wieder durchstarten. Wir berichten täglich von der „Island of Freedom“.

Unser Bericht beginnt allerdings am Donnerstag – technisch gesehen schon der zweite Tag des Sziget 2022. Um trotzdem einen Eindruck vom Mittwoch zu bekommen, schaut euch einfach den obigen Kurzfilm an, den das Festival selbst auf YouTube gepostet hat. Er liefert einen guten Eindruck darüber, wie die Stimmung auf der Donauinsel ist. Das Motto ist dabei wie in jedem Jahr: „The Island of Freedom“.

Natürlich sind die meisten Großfestivals auf ihre Art Inseln: Sie sind von der Umwelt abgegrenzt, und man kann sie nur durch wenige Ein- und Ausgänge betreten. Beim Sziget gilt das aber buchstäblich, denn das Festival befindet sich auf der größten Insel in der Donau. Aufs Gelände kommt man über zwei Brücken – oder mit dem Boot. Und tatsächlich fühlt es sich, einmal auf der Insel angekommen, an, als wäre man in einer anderen Welt gelandet. Obwohl Budapest nur einen Steinwurf entfernt ist, muss man das Sziget nicht verlassen, wenn man nicht will, so vieles gibt es zu entdecken. Und so wird es heute auch nur am Rande um Musik gehen. Denn obwohl die natürlich zentral ist, gibt es mehr als genug Programm, das weit darüber hinausgeht. Wahrscheinlich könnten „Szititens“ alle sechs Tage verleben, ohne ein Konzert zu sehen – auch wenn das natürlich schade wäre.

Sziget 2022: Auf in die Parallelgesellschaft

Für Essen und Trinken ist mit zahllosen Ständen und Foodtrucks natürlich ohnehin gesorgt. Doch darüber hinaus gibt es noch Märkte für alles Mögliche andere, und eine lange Schlange wartet geduldig vor der Aldi-Filiale. So beliebt sind früher am Tag nur die Coffee-Spots. Wer ein temporäres Henna-Tattoo will, ist genauso bedient wie jemand, der auf etwas Permanentes aus ist. In Workshops können die Gäste HipHop-Dance oder traditionelle Tänze lernen oder Yoga machen. Therapeut:innen gibt es auf dem Gelände ebenso wie Stände von Botschaften, die internationalen Gästen beim Verlust ihrer Pässe helfen. Und wer sich einen Überblick über das Gelände verschaffen will, klettert ins Disney+ Sziget Eye, das Riesenrad gegenüber der Hauptbühne. Das Gefühl des Sziget als Parallelgesellschaft wird noch dadurch verstärkt, dass sich die Zelte der Camper:innen auf dem ganzen Gelände verstreut finden – im Gegensatz etwa zum Roskilde, wo Camping und Bühnen streng getrennt sind.

Auf meiner ersten Wanderung über das Gelände fällt mir eine lange Schlange auf, der ich mich spontan anschließe. Ich lande in einem Zirkuszelt: Im Cirque du Sziget gibt es Performing Arts und Akrobatik zu sehen, hier und jetzt zwei Shows hintereinander. Zunächst performen Absolvent:innen einer palästinensischen, dann einer ungarischen Zirkusschule: Mehr als dreißig Personen singen, jonglieren und fliegen unter dem Zeltdach hin und her. Hier kann ich mir auch gleich meinen ersten Stempel für meinen Sziget-Pass holen.

Im Magic-Mirror-Pavillongibt es ebenfalls nicht nur Musik, sondern auch Stand-up-Comedy zu hören. In einer Stunde klettern vier Acts auf die Bühne und geben sich das Mikro in die Hand. Obwohl die Witze der englischsprachigen Comedians größtenteils auf England zugeschnitten sind, kommen sie auch beim ungarischen Teil des Publikums trotz Sprachbarriere überwiegend gut an. Kurator ist Dave Thompson, der früher einmal den lila Teletubbie gespielt hat (wirklich wahr!). Er erwähnt nebenbei, dass ursprünglich zwei russische Comedians gebucht waren, die dann aber wieder ausgeladen wurde. Auch auf der Freiheitsinsel kann man der Politik nicht entkommen.

Toleranz, Diversity – und die, die nicht mitmachen wollen

Wie immer stehen Toleranz und Diversity im Vordergrund, und insgesamt ist die Atmosphäre positiv. Doch ein Erlebnis trübt die Freude leider: Jeden Tag um 18.45 Uhr haben die Veranstalter:innen die Hauptbühne für politische Vorträge freigegeben, heute halten ihn zwei queere Aktivist:innen aus den Niederlanden zum Thema „The Importance of Acceptance“. Es geht um LGBTQIA*-Diskriminierung und Rassismus. Das Publikum, zu Teilen geblieben nach der Alice-Merton-Show, jubelt an den richtigen Stellen – nur eine Gruppe junger Männer buht und zeigt den Mittelfinger.

Darauf angesprochen, beginnen sie mit dem altbekannten Einwand, sie hätten nichts gegen Homosexuelle, aber Propaganda habe auf einem Musikfestival nichts zu suchen. Es dauert allerdings nicht lange, bis die ersten offen rassistischen Kommentare fallen. Die Gruppe kommt übrigens aus Frankreich – so viel zu der oft behandelten Frage, ob Ungarn nicht zu rechts oder rückwärts sei für ein Festival wie das Sziget. Zum Glück geben Umstehende Konter, woraufhin sich die Gruppe verzieht. Auch Erfahrungen wie diese sind leider Teil des Sziget 2022, obwohl Meinungen wie die der betrunkenen Franzosen sicher in der Unterzahl sind.

Und das war der Donnerstag, der mit einer bombastischen Show der Kings Of Leon zu Ende ging. Morgen geht es dann auch um Musik, versprochen!

Hier geht es zur Sziget-Webseite.

Nichts verpassen! Einfach unseren Musik-Newsletter abonnieren! Anmelden