Tanz Karlsruhe: Radikal heutig
Wo eine bestimmte Ästhetik tonangebend ist, haben es andere Künste schwer. Das Festival Tanz Karlsruhe aber hält die zeitgenössische Fahne gegenüber der Neoklassik hoch.

Karlsruhe ist eine Tanzstadt. Und zwar vor allem, wenn man Tanz in seiner neoklasisschen Ausprägung versteht: Das Ballett am Badischen Staatstheater hat da eine gewisse Tradition als Sprungbrett für hoffnungsfrohe Talente, gerne beeinflusst vom nahen Stuttgart. So war die ehemalige Stuttgarter Primaballerina Birgit Keil von 2003 bis 2019 Ballettdirektorin in Karlsruhe, auch ihre Nachfolgerin Bridget Breiner (2019 bis 2024) tanzte zuvor in Stuttgart, und auch das aktuelle Leitungsteam Raimondo Rebeck und Kristina Paulin hat einen neoklassischen Hintergrund.
Wo allerdings eine bestimmte Ästhetik so im Vordergrund steht, haben es andere Formen schwer. Der zeitgenössische Bereich etwa muss gepäppelt werden, damit er nicht ins Hintertreffen gerät. Seit 30 Jahren übernimmt diese Aufgabe das Festival Tanz Karlsruhe, gegründet 1996 von den Kulturzentren Tempel und Tanztribüne als Tanz Theater Festival, was die damals revolutionäre Kunst Pina Bauschs schon durch seinen Titel ins Zentrum rückte. Später wurde unter dem Namen Internationales Tanzfestival gefeiert, was den grenzüberschreitenden Aspekt des Projekts betonte, seit einigen Jahren trägt es kurz und knackig den heutigen Titel.
Vom 6. bis 29. November sind dieses Jahr hochkarätige Gastspiele zu sehen, darunter die französische Compagnie Leïla Ka („Maldonne“, am 6. 11., Foto) und die israelischen Tanzlegenden Batsheva Dance Company („Sadeh21“, am 17. 11.). Aber auch die lokale Szene ist vertreten, nicht zuletzt bei der Langen Nacht der kurzen Stücke am 7. und 8. November (was genau genommen zwei Nächte sind, aber man will mal nicht so sein). Und auch die Nähe zu Stuttgart wird gewürdigt, wenn auch ebenfalls mit Blick aufs Zeitgenössische: Am 16. November machen die Preisträger:innen des diesjährigen Solo-Tanz-Theater-Festivals einen Abstecher nach Karlsruhe.
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