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„Von innen ist es eine ganze Welt“

Portraitfoto Julia Engelmann, die im Interview über ihren Debütroman „Himmel ohne Ende“ spricht
(Foto: Fabian Raabe/Diogenes Verlag)

In ihrem Romandebüt „Himmel ohne Ende“ feiert Julia Engelmann das Erwachsenwerden und die Freundschaft. Vor allem die Momente, die von außen oft unsichtbar sind.

Ein Interview mit Julia Engelmann über ihren Debütroman „Himmel ohne Ende“

 

Julia, du kannst bereits auf eine lange Karriere als Dichterin, Schauspielerin und Singer/Songwriterin zurückblicken. Was hat dich nun bewogen, einen Roman zu schreiben?

Julia Engelmann: Der Wunsch, einen Roman zu schreiben, besteht schon, seit ich in der Grundschule war. Ich liebe es, Romane zu lesen, und ich liebe es auch, ausführlich zu erzählen – die Idee hatte ich also schon lange im Hinterkopf. Mit Ende 20 habe ich dann gemerkt, dass es nicht passiert, wenn ich es nicht entscheide. Deswegen habe ich mich gefragt: Worauf warte ich eigentlich noch?

Wie hat es sich angefühlt, erstmals einen so langen Text zu schreiben?

Engelmann: Ich glaube, es gibt Gemeinsamkeiten mit meinen Gedichten und Songtexten. Mein Geschmack für Wörter ist derselbe: Ich mag Sprache, die sich sehr direkt anfühlt, die natürlich klingt, ich mag Wiederholungen und Muster. Aber natürlich war der Zeitraum, über den ich geschrieben habe, viel länger. Gedichte habe ich manchmal an drei Tagen geschrieben, für den Roman habe ich dagegen drei Jahre gebraucht, die erste Idee hatte ich schon vor sechs Jahren. Es ist eine ganz andere Herausforderung, über einen solchen Zeitraum die Konzentration zu halten.

Bei Gedichten oder Songs geht man automatisch davon aus, dass das lyrische Ich mit dir identisch ist. In „Himmel ohne Ende“ aber geht es um die 15-jährige Charlie, die eine Krise durchmacht und sich von ihrem Umfeld missverstanden fühlt, bis die Freundschaft mit dem neuen Mitschüler Pommes ihr neue Lebensfreude schenkt.

Engelmann: Ich fand es dankbar, mal nicht im Mittelpunkt zu stehen. Dass ich selber 15 war, ist jetzt 18 Jahre her. Mir war dieser Abstand eigentlich ganz angenehm. Zugleich kann ich mich noch gut an meine Jugend erinnern und vieles, was mich damals bewegt hat, besser in Worte fassen, aber aus der Vogelperspektive.

Wie viel Charlie steckt in dir?

Engelmann: Ich habe mich in meiner Jugend auch oft einsam gefühlt und nicht gewusst, wie ich an der Welt andocken soll. Irgendwann habe ich festgestellt, dass sich dieses Gefühl für mich dank meiner Freund:innen verändert hat – auch wenn es nicht wie bei Charlie innerhalb eines Jahres passiert ist. Ihre Welt und ihr Leben sind anders als bei mir, aber der Umschwung, den sie erlebt, hat viel mit mir zu tun.

Der Roman spielt dann auch zu der Zeit, in der du in Charlies Alter warst. Zum Beispiel spielen die sozialen Medien noch kaum eine Rolle …

Engelmann: Es war eine bewusste Entscheidung, die Geschichte nicht im Jetzt spielen zu lassen, weil ich nicht das Gefühl hatte, dem gerecht werden zu können. Jugend, vor allem Schule, ist heutzutage ganz anders als damals, obwohl natürlich viele Gefühle, die Jugendliche haben, universell sind. Obwohl ich es nie explizit gemacht habe, ist der Roman für mich im Jahr 2009 angesiedelt. Ich wollte ein konkretes Jahr haben, um nicht total ins Blaue zu schreiben, um zum Beispiel Wetterlagen und Ferienpläne recherchieren zu können. Es gibt ja auch Songs, die in der Geschichte vorkommen, von denen ich wissen musste, ob es sie schon gab.

Auf einer Ebene ist „Himmel ohne Ende“ ein Coming-of-Age-Roman, bricht aber auch mit den Konventionen des Genres, etwa indem Charlie gar nichts wirklich Spektakuläres erlebt und die große Katharsis ausbleibt. 

Engelmann: Coming-of-Age-Romane lese ich bis heute gerne. Ich habe mich beim Schreiben immer wieder damit auseinandergesetzt, ob die Geschichte zu still ist, ob der große Knall fehlt. Die Traurigkeit, die Charlie belastet, ist ja auch kein großer Knall, ist aber trotzdem total verbreitet, glaube ich: Man ist ein bisschen traurig, aber es fällt nicht so sehr auf, und dann wird man wieder ein bisschen glücklich, und das fällt auch nicht auf. Aber in einem selber hat sich viel verändert. Ich habe mich auch gefragt, ob die große Liebe fehlt, aber ich finde, dass in Charlies Alter die große Freundschaft etwas ganz Ähnliches mit einem machen kann.

Das Wort „Depression“ fällt im Roman nicht, und Charlie nimmt auch keine professionelle Hilfe in Anspruch. Wolltest du vermeiden, dass „Himmel ohne Ende“ zu einem Problembuch wird?

Engelmann: Das hätte mir gar keine Sorgen bereitet, ich kann mir auch vorstellen, irgendwann noch mal expliziter über Depression oder mentale Gesundheit zu schreiben. Aber hier wollte ich über eine depressive Phase schreiben, ohne das zu pathologisieren. Damit Charlie professionelle Hilfe bekäme, müssten sich entweder ihre Probleme verschlimmern oder sie müsste in der Lage sein, sie besser zu beschreiben. Das stille Leid, das Charlie durchmacht, ist eben nicht immer sichtbar von außen, dadurch aber nicht weniger wichtig. Zum Glück tritt Pommes in ihr Leben.

Die Freundschaft zwischen Charlie und Pommes ist ein zentrales Element des Buchs. Gab es dafür eine konkrete Inspiration?

Engelmann: 2019 habe ich eine Reihe Schreibworkshops an englischen Schulen gegeben. In einem waren zwei stille Jugendliche, ein großer Junge und ein kleineres Mädchen, die sich beim Schreiben Kopfhörer geteilt haben. Sie waren in der großen Gruppe recht still, aber wirkten total zufrieden miteinander. Das hat mich irgendwie angerührt: eine Freundschaft, die von außen unsichtbar ist, wenn man nicht genau hinschaut, aber von innen ist es eine ganze Welt. Über so einen Moment wollte ich schreiben.

 

Julia Engelmann: Himmel ohne Ende

Diogenes, 2025, 336 S., 25 Euro

Buchcover „Himmel ohne Ende“ von Julia Engelmann

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