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Musik

Wie Wut das tut! : Emma Ruth Rundle im Interview

Andere haben davon getönt, doch der US-amerikanischen Songwriterin Emma Ruth Rundle könnte es mit nur acht Songs tatsächlich auch gelingen, die Zustimmungswerte der AfD zu halbieren. 

ERR Powerless Kristin Cofer
Emma Ruth Rundle (Kristin Cofer)
Über das niederschmetternde Ergebnis der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt ist Emma Ruth Rundle bestens informiert. „Mich macht ratlos, dass sich ein Großteil ihrer Wähler wohl so gut wie gar nicht mit dem Programm der AfD beschäftigt hat“, kommentiert sie mitfühlend und erzählt, dass gerade ein Freund aus Berlin bei ihr in Portland zu Besuch ist, mit dem sie ausführlich über den Rechtsruck in Deutschland diskutiert hat. „Es ist eine globale Entwicklung, dass sich viele Arbeiter:innen von rechtsextremen Parteien vertreten fühlen, obwohl deren Forderungen ihren Untergang bedeuten würden und sie einem ganz anderen Klientel zuarbeiten“, sagt die 43-jährige Musikerin. „Hat nicht sogar Elon Musk der AfD gratuliert? Das entlarvt das doch eigentlich schon.“
 
Doch zumindest kann Emma Ruth Rundle lächeln, als sie hört, dass ihr neues Album „These killing Times“ bei der Bewältigung der Ereignisse in Magdeburg geholfen hat. „Dann ist mein Plan aufgegangen“, freut sie sich. „Ich wollte einen Schlachtruf, der dich ermutigt, aufzustehen und aktiv zu werden, doch zugleich soll die Platte auch einen Ort des Trostes anbieten.“ Nachdem die Kalifornierin in verschiedenen Bandprojekten aktiv gewesen ist, veröffentlicht sie seit 2011 Soloalben, mit denen sie so charakteristisch wie unberechenbar zwischen Folk, Postrock, Ambient und experimentellem Metal pendelt. Zuletzt ist 2021 das ganz reduzierte und so ungemein persönliche Werk „Engine of Hell“ erschienen, auf dem sie sich nur mit Klavier, Akustikgitarre und Gesang den inneren Dämonen stellt.
„Ich hätte es unverantwortlich gefunden, eine weitere Platte zu veröffentlichen, auf der ich mich ganz spezifisch mit den Kämpfen meiner Vergangenheit beschäftige“, sagt sie. „Wir kommen nicht mehr drumherum, uns mit all den Dingen auseinanderzusetzen, die wir tagtäglich in den Nachrichten hören. Das geht jetzt vor!“ Letztlich waren es die apokalyptischen Brände in L.A., die Rundle nicht nur dazu bewegt haben, ihre Heimatstadt zu verlassen, sondern auch Songs zu schreiben, die sich massiv vom Vorgänger unterscheiden. „Ich wollte wieder mit einer Band arbeiten, denn in einer Gegenwart wie dieser ist es nicht gut, allein zu sein. Ich brauchte das Gefühl, Teil eines Team zu sein.“
Auf „These killing Times“ sind die verzerrten Gitarren zurück. Angetrieben von einer antipatriarchalen, feministischen Wut und mit langjährigen Mitstreiter:innen an ihrer Seite setzt sie sich mit der Klimakatastrophe, mit den globalen Konflikten und mit Klassenunterschieden auseinander.
Würdest du Wut als den zentralen kreativen Motor des Albums bezeichnen?
Emma Ruth Rundle: Sie hat mich aktiviert, aber ungefiltert ist Wut meiner Meinung nach nicht kreativ. Ich wollte sie transformieren, in ihr auch nach hoffnungsvollen Momenten suchen.
Es ist eine Protestplatte, auch wenn du plumpe Parolen und Verweise auf allzu konkrete politische Ereignisse vermeidest.
Rundle: Politischer Folk ist zurück, und ein Musiker wie Jesse Welles imponiert mir, weil er sehr gute, sehr spezifische Songs schreiben kann. Aber zu mir passt das nicht, ich habe immer schon mit Allegorien, religiösen Bildern und Surrealismus gearbeitet, wodurch die Texte automatisch zeitloser ausfallen. Zugleich sind sie aber auch ein Kommunikationsangebot: In was für einer Welt möchtest du leben? Und wie könnten die Schritte aussehen, mit denen wir dahin kommen? Der moderne Kapitalismus will uns isolieren. Gerade weil die Politik durch Lobbyismus so korrumpiert ist und sich linke Parteien oft lieber untereinander bekämpfen statt den Zusammenschluss zu suchen, müssen wir andere Verbindungen finden.
Der Kapitalismus hat auch die Subkulturen aufgekauft, sodass es kaum noch safe spaces gibt, in denen Gegenkultur gelebt werden kann.
Rundle: Mir kommt das auch so vor, doch frage ich mich immer, ob ich vielleicht auch mittlerweile zu alt bin, um die Möglichkeiten gewisser Angebote zu erkennen. Immerhin nehme ich Retrobewegungen wahr, die mich hoffnungsvoll stimmen. Die Jüngeren interessieren sich plötzlich wieder für gedruckte Bücher. Überhaupt sind Bibliotheken ein Ort, an dem ich mich noch aufhalten kann, ohne dafür zu zahlen. In die Bücher dort schreibt dir so schnell niemand rein oder reißt Seiten raus – keine schlechte Alternative zum Algorithmus. Vielleicht sind Bibliotheken der Punkrock der Gegenwart.
Rundle erzählt, dass sie mit ihrem Besuch aus Berlin am Vorabend bei einer Noise-Show gewesen ist. „Das Konzert fand an einem Off-Ort in einer alten Lagerhalle statt, und ich hatte das Gefühl, ich bin mit einer Zeitmaschine 20 Jahre in die Vergangenheit gereist: Da standen alte Sofas rum, es gab kein Branding, alle waren freundlich.“ Sie hofft, mit den Shows ihrer kommenden Tour ein ähnliches Angebot machen zu können, dass den Dialog fördert. „In Portland habe ich entdeckt, wie spannend die Fanzine-Kultur aktuell wieder ist, und ich überlege, bei meinen Konzerten neben dem Merch auch einen linken Büchertisch aufzubauen.“ Bei diesen Worten strahlt Emma Ruth Rundle. „Da könnte es zu Real-Life-Gesprächen kommen. Vielleicht triffst du bei meinem Konzert jemanden, mit dem du dich zum Gärtnern verabredest. Und vielleicht ziehst du mit der neuen Bekanntschaft auch nachts los, um Flock-Kameras zu zerstören.“

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