Wong Kar-Wais erste Serie: Langatmig oder kurzweilig?
30 Folgen à 50 Minuten: Für seine erste TV-Produktion lässt sich der Starregisseur viel Zeit. Doch bei „Blossoms Shanghai“ lohnt sich Geduld.
Es war nur eine Frage der Zeit, ehe Wong Kar-Wai es anderen gefeierten Filmregisseuren wie Nicolas Winding Refn oder David Fincher gleichtut und ebenfalls den Sprung von der Leinwand auf den Bildschirm macht. Der Filmemacher, bekannt für Werke wie „Chungking Express“ oder „In the Mood for Love“, legt mit „Blossoms Shanghai“ seine erste Serie vor, die heute bei MUBI an den Start geht. Und zwar nicht eine kurze Miniserie, die in Wahrheit ein verkappter Film ist: Mit 30 Episoden von 50 Minuten Länge ist die Show Wongs bisher mit Abstand längstes Werk – und in unseren hektischen Zeiten ein ziemliches Commitment für alle Serienfans. „Manche Geschichten brauchen Raum, um ihre volle Wirkung zu entfalten“, sagt Wong selbst über seine Adaption des Romans von Jin Yucheng. Wer sich auf „Blossoms Shanghai“ einlassen will, braucht einen langen Atem – aber wenn man einmal auf der geduldigen Wellenlänge der Serie angekommen ist, will man die von Wong penibel geschaffene Welt gar nicht mehr verlassen.
„Blossoms Shanghai“: Eine Stadt im Aufbruch
Dabei ist die Epoche, die Wong porträtiert, eigentlich eine des Aufbruchs. Shanghai in den 90ern: Vor kurzem wurde die Börse für den internationalen Markt geöffnet, im Hintergrund wird der Oriental Pearl Tower errichtet. Zahllose Menschen strömen in die Stadt, wo sie die Chance aufs große Geld wittern. Mittendrin schwingt sich Ah Bao (Hu Ge), von allen nur Mr. Bao genannt, zum erfolgreichen Exporteur und Investor auf. Unterstützt wird er dabei von einer eingeschworenen Clique, zu der sein Mentor Onkel Ye (You Benchang), die geschäftstüchtige, aber überkandidelte Restaurantbesitzerin Ling Zi (Ma Yili) und das herzensgute Fräulein Wang (Tang Yan), Baos Kontakt zum Außenhandelsamt, gehören. Die Huanghe Road mit ihren neonbeleuchteten Restaurants wird dabei zum Mikrokosmos der Stadt. Als die mysteriöse, glamouröse Li Li (Xin Zhilei) auftaucht und das schicke „Grand Lisboa“ eröffnet, bringt das Ereignisse in Gang, die Mr. Baos Imperium ins Wanken bringen …
Ein echtes Ensemble-Piece
Wenn Wong seiner Geschichte Raum lassen möchte, dann meint er das ernst. Manche Hauptfiguren werden erst nach vielen Episoden eingeführt, manche Entscheidungen zeigen ihre Wirkung erst viele Folgen später. Und es sind zumeist nur kleine, subtile Veränderungen, die der Regisseur einfängt. Andere Wendungen, die spektakulär sein könnten, werden fast beiläufig abgetan. Gleich in Episode 1 wird Mr. Bao von einem Taxi angefahren, der Täter begeht Fahrerflucht – offenbar ein Racheakt. Statt dieses einleitende Ereignis zum Fokus der Serie zu machen, wie es andere getan hätten, klärt Wong dieses Rätsel schnell und indirekt auf.
Viel wichtiger ist ihm die Dynamik zwischen seinen Figuren – und von denen gibt es viele. Alle, vom Kioskhändler auf der Straße bis zum im ersten Moment lächerlichen Textilfabrikanten, bekommen den genannten Raum zur Entfaltung und offenbaren ungeahnte Tiefen. Dass Wong die Handlung nicht chronologisch erzählt, sondern immer wieder mit Rückblenden arbeitet – manchmal Jahre in die Vergangenheit, manchmal nur drei Stunden – verschafft ihm die Möglichkeit, immer genau den Aspekt einer Figur zu betonen, der ihm aktuell am wichtigsten ist.
Mr. Bao: Das Enigma in der Mitte
Kurioserweise ist es ausgerechnet Mr. Bao, der inmitten all dieser starken Figuren ein Enigma bleibt. Das ist zumindest teilweise gewollt, gibt sich der elegante Aktienhändler doch absichtlich verschlossen, weit niemanden in seine Pläne ein und lässt auch die ihn umschwärmenden Frauen selten nah an sich heran. Dass ihn sowohl mit Ling Zi, Frl. Wang und Li Li unausgesprochene Gefühle verbinden, macht sein Schweigen und Taktieren nachvollziehbarer. Hu Ge ist ein äußerst charismatischer Schauspieler, dem man gern zuschaut – und doch wünscht man sich manchmal, dieser chinesische Don Draper wäre so magnetisch wie sein US-amerikanischer Gegenpart.
„Mad Men“ ist neben „Succession“ (jede Menge Business-Deals), „The Wire“ (ein detailgetreuer Querschnitt durch die Schichten einer Stadt) oder einer beliebigen Seifenoper (die kitschigeren Momente) eine der Serien, an die man sich beim Schauen von „Blossoms Shanghai“ erinnert fühlen kann. Das detailgenaue Einfangen einer vergangenen Ära stimmt ebenso überein wie das große Ensemble und die verschlossene Hauptfigur im Zentrum. Doch wo „Mad Men“ die Nostalgie immer mit mal mehr, mal weniger subtiler Kritik an der Zeit der Handlung vermischt hat, ist hier länger unklar, wie Wong die Epoche, die er hier zeigt, selbst sieht.
Wong Kar-Wai verarbeitet seine Kindheit
Auch seine Beziehung zu Shanghai ist kompliziert: Wong ist dort geboren, doch seine Familie musste schon bald vor der Kulturrevolution nach Hongkong fliehen. „Ich habe Shanghai als Kind verlassen, aber die Stadt hat mich nie losgelassen“, sagt der Regisseur. „Meine Filme waren schon immer ein Akt der Bewahrung und Ausgrabung. So habe ich das Hongkong meiner Jugend wieder zum Leben erweckt und nun endlich auch das Shanghai meiner Kindheitserinnerungen.“ Die meisten Figuren sprechen im Original übrigens Chinesisch im Shanghai-Dialekt, was nicht nur für Lokalkolorit sorgt, sondern auch eine Außenseiterin wie Li Li mit ihrem Hochchinesisch sofort als solche identifiziert.
Ist der Kapitalismus, der in der Serie mit Macht in Shanghai Einzug hält, für Wong primär eine Kraft des positiven Wandels? Immerhin führt er auch zu Entfremdung, sozialer Kälte und Verarmung, wie etwa ein ehemaliger Partner Ah Baos am eigenen Leib erfahren muss. Ist Mr. Bao ein Held, ein Konstrukt, ein Opportunist, ein Idealist, ein Zyniker – oder alles zusammen? Was Wong wirklich denkt, wird nicht immer deutlich, aber auch das kann als Stärke gelesen werden, als Entscheidung und Aufforderung, sich auf die subtilen Zwischentöne einzulassen. In China selbst zumindest hat die Serie für jede Menge Nostalgie gesorgt, die Leute fühlen sich an die Aufbruchsstimmung der 90er erinnert, und der Tourismus in Shanghai profitiert.
Am Ende steht die Ästhetik
Was sicherlich nicht zuletzt am Look der Serie liegt. Wong Kar-Wai ist natürlich primär für seine Ästhetik bekannt, und auch „Blossoms Shanghai“ ist perfekt inszeniert: vom liebevollen, kleinteiligen Setdesign über die üppigen Farben, die elegante Kameraführung bis zur geschickt eingesetzten Zeitlupe ist die Serie ein Fest für die Augen. Ähnlich schwelgerisch ist die Musik, sodass einzelne Momente bei aller Subtilität dann doch ans Sentimentale grenzen. Doch das wird Fans des Regisseurs schwerlich enttäuschen – im Gegenteil, es sind alles Aspekte, die Wong seit langem als zentral für sein Werk etabliert hat. Doch diese Serie hätte er, wie er selbst zugibt, wohl erst jetzt drehen können. „Um den Duft seines Geburtsortes freizulegen, braucht es die Geduld und Perspektive eines ganzen Lebens“, sagt er. „,Blossoms Shanghai‘ ist genau dieser lang ersehnte, geduldige Dialog mit meiner eigenen Herkunft.“