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„12“ von Ryuichi Sakamoto: Ohne Worte

Ryuichi Sakamoto steht vor einer Wand und richtet seine Brille.
„12“ von Ryuichi Sakamoto ist Foto: zakkubalan

Ein weiterer Schicksalsschlag hat das neue Album von Ryuichi Sakamoto inspiriert. Nun hören wir dabei zu, wie er ins Leben zurückfindet.

Am 21. Januar 2021 postet Ryuichi Sakamoto eine Nachricht auf seiner Webseite: Er hat eine zweite Krebsdiagnose erhalten. Erst ein Jahr zuvor hatte der japanische Elektro-Pionier die Behandlung seines Rachenkrebses erfolgreich abgeschlossen, nun haben die Ärzte Darmkrebs entdeckt. Er hat bereits eine Behandlung begonnen, schreibt Sakamoto, und plant, so viel wie möglich weiterzuarbeiten.

Dass das nicht immer einfach war, kann man sich denken – und hören. Auf dem neuen Album „12“, das an seinem 71. Geburtstag erscheint, hat Sakamoto die Zeit seiner Behandlung dokumentiert. Alle zwölf Stücke stammen aus diesem Zeitraum zwischen März 2021 und April 2022 und tragen als Titel das Datum ihrer Entstehung. Schon Sakamotos letztes Album „Async“ aus dem Jahr 2017 war von seinem Umgang mit dem Krebs inspiriert, doch war darauf auch Platz für barocke Melodien, field recordings und eingesprochene Texte. „12“ ist abstrakter, die Stücke sind langsamer, manchmal nur sperrige Skizzen für Klavier und Synthesizer. Und obwohl sie gerade in der ersten Hälfte in die Ambient-Schublade passen, sind sie alles andere als beruhigend.

„12“ von Ryuichi Sakamoto ist gerade erschienen

Zusammen ergeben sie eine Chronik, die uns denkbar nah an den Komponisten heranlässt, mitunter bis an die Schmerzgrenze. Das Schnaufen, das erstmals in „20211201“ hörbar wird, mag uns am Anfang wie ein cleverer Effekt vorkommen – bis es nicht mehr verschwindet und uns klar wird, dass es sich dabei einfach um Sakamotos angestrengtes Atmen handeln muss. „20220202“ verwandelt einen Synthesizer, der unter anderen Umständen warm klingen könnte, in einen düsteren Abgesang, und in „20220207“ spielt Sakamoto mit der linken Hand auf die „Dies irae“-Sequenz an.

Gerade, als die Melancholie zu viel zu werden droht, kommt die Wendung: Nach dem langen, meditativen „20220214“ folgen kürzere Klavierstücke. Und plötzlich sind Struktur, Melodie und Tempo wieder da. Es werden Erinnerungen wach an Sakamotos pseudoklassische Stücke, seine Jazzkompositionen und Filmsoundtracks. Und dank des Aufbaus von „12“ können wir sogar erraten, dass 2. März 2022 ein besonders produktiver Tag gewesen ist, denn an ihm sind gleich zwei Stücke entstanden.

In der Nachricht aus dem Januar 2021 schließt Ryuchi Sakamoto mit den Worten: „Von jetzt an werde ich mit dem Krebs leben. Aber ich hoffe, dass ich noch ein bisschen länger Musik machen kann.“ Diese Hoffnung hat er sich erfüllt – und nebenbei auch noch demonstriert, wie Musik selbst Hoffnung und Frieden stiften kann. Und das ganz ohne Worte.