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Babylon Berlin – Staffel 5: Die Zärtlichkeit im Untergang

Die Regisseure Henk Handloegten, Tom Tykwer und Achim von Borries haben (Hier zu einer früheren Staffel im Interview) mit der fünften Staffel ihrer historischen Krimi- und Dramaserie „Babylon Berlin“ ein zärtliches Requiem auf die Weimarer Republik gedreht. Die Handlung beginnt am 30. Januar 1933, als Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler erklärt, und endet nicht mal einen Monat später mit dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar. Die neue Staffel von „Babylon Berlin“ kannt jetzt gemeinsam mit den vorherigen Staffeln in der ARD-Mediathek gestreamt werden.
Wenn etwas die fünfte Staffel der international erfolgreichen Serie „Babylon Berlin“ ausmacht, dann ist es die unglaubliche Zärtlichkeit, mit der sie ihre Heldinnen und Helden in den Untergang der Weimarer Republik begleitet. Von der Liebe zwischen Charlotte und Gereon ist nur noch ein Schatten vorhanden. Sie weiß seit Monaten nichts von seinen illegalen Aktivitäten gegen die NSDAP und ihre Machtübernahme. Dann taucht er auch noch für mehrere Wochen ab und lässt sich verleugnen, während sie in der Mordkommission Morde an Kriegsveteranen aus dem dem ersten Weltkrieg (den Begriff gab es damals noch nicht) aufklären soll und dafür sogar mit dem verhassten Kollegen Böhm (Godehard Giese) zusammenarbeiten muss. Dass die Ursache für Raths Verschwinden und Ritters Ermittlungen eng miteinander verknüpft sind, merken beide erst sehr spät.
Dass die Morde an den Kriegsveteranen mit der Krankenakte Adolf Hitlers aus dem Lazarett in Pasewalk zu tun haben, wird schnell klar. Die NSDAP will alle Zeugen ausschalten, die von Hitlers Vergangenheit wissen, vor allem über seine psychische Verfasstheit. Die These der Serie und die Hoffnung der Akteure, dass die Offenlegung der Akte die anstehende Wahl am 5. März beeinflussen zu können, ist ein heutiger Gedanke und nicht unbedingt aus damaliger Zeitsicht entwickelt. Gleichwohl war Hitler wirklich Patient in Pasewalk und erwähnt das auch wiederholt in seinem Buch „Mein Kampf“, allerdings in heldenhaftem Ton. Die Serie hingegen zeigt in Rückblenden einen kranken Gefreiten, der blind ist, obwohl ihm Augenärzte Sehkraft bescheinigen. Wie die Serie die Traumata von Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg zusammenführt, ist gleichwohl äußerst interessant.
Gleichzeitig überschlagen sich die Ereignisse, denn die NSDAP hat zwischen Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und den Wahlen am 5. März längst begonnen, die Opposition auszuschalten und die eigene Position zu festigen. Polizeifotograf Reinhold Gräf (Christian Friedel, „The Zone of Interest“), der sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen will und deshalb ein psychiatrisches Gutachten benötigt, erlebt den Niedergang des Instituts für Sexualkunde des renommierten Arztes Magnus Hirschfeld, das schließlich in die Schweiz umzieht. Durch Gräfs Leben gibt die Serie auch einen tiefen Einblick in die schwulen- und queerfeindliche Haltung und Politik der neuen Machthaber. Der Spießrutenlauf Gräfs beim Besuch eines queeren Klubs, vor dessen Tür die SA steht, ist ein bitterer Moment der Serie.

„Babylon Berlin“ ist in ihrer letzten Staffel eine zutiefst traurige Serie. Die Beziehung von Charlotte Ritter und Gereon Rath steht unter dem Druck der Verhältnisse unter einem mehr als nur schlechten Stern, jeder zärtliche Moment ist in Moll inszeniert. Als Charlotte sich mit Reinhold Gräf in der Kneipe ihres früheren Liebhabers Jacky trifft und die Drei zu einem Chanson von Zaho de Sagazan tanzen, endet die Szene mit einem Fade-out des Songs und einem Moment tiefster Verlassenheit. Am bittersten aber wird das Ende aller Humanität und der Beginn der Barbarei angedeutet, als auf einer Kabarettbühne Friedrich Hollaenders Satire „An allem sind die Juden schuld“ gesungen wird und der schwule Chefredakteur der Nazi-Zeitung Der Sturm mit Gefolge reinkommt und das Lied höhnisch mitsingt: Es ist der Moment der Entmachtung ihre Übernahme und Umkehrung in die Ankündigung aller folgenden Verbrechen.
Den Verlust aller humanen Verfasstheit einer Gesellschaft aber dokumentiert Jens Harzer in der Rolle des Dr. Schmidt, der in Wirklichkeit Gereon Raths Bruder ist, in seiner Rundfunkrede, die er in der fälschlichen Gewissheit hält, Hitlers Machtübernahme sei gewaltsam verhindert worden. Der Arzt zählt in seiner Rede alle Errungenschaften des noch jungen 20. Jahrhunderts auf, die zur Hoffnung Anlass geben. Aus dieser Rede schwingt die Hoffnung eines Menschen auf, der noch nichts von den kommenden zwölf Jahren und den größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte weiß, die Deutsche begehen werden. Dies so schmerzhaft aufzuzeigen, ist das größte Verdienst der Serie „Babylon Berlin“ .
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