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David Schalko im Interview: „Ein luzider Traum“

David Schalko im Interview
David Schalko im Interview mit kulturnewsFoto: © Ingo Pertramer / Superfilm

Auf Sky ist jetzt die Serie „Ich und die anderen“ zu sehen. Für kulturnews erzählt Showrunner und Regisseur David Schalko im Interview, wie er die Idee zum Plot entwickelte und warum man so viel David Lynch in der Serie finden kann.

David Schalko, was hatten Sie eingeworfen, als Sie vielleicht nicht die Idee, aber die Durchführung dieser Idee für Ihre neue Serie „Ich und die Anderen“ entwarfen?
David Schalko: Die Serie ist ja aus einem völlig freien Moment entstanden, weil ich sie schon zu schreiben begonnen hatte, lange bevor ich sie einem Sender angeboten habe. Es gab also nie eine Auftragssituation, sondern irgendwann nur Zufallsgespräche mit Sky, wo ich sagte: Ich hab da was, was ihr wahrscheinlich gar nicht machen wollt. Sie wollten dann aber doch. Kurz: Meine Freiheit war nie beschnitten.

Wenn man die Serie auf ihren Kern zurückführt, ist sie Gesellschaftskritik. In der Durchführung aber ist sie in ihrer Absurdität, in der Farce, die Sie als Regisseur regelrecht explodieren lassen, im positiven Sinn viel mehr satirische Unterhaltung denn Aufklärung.
Schalko: Es ist eine assoziative Art des Erzählens, jede Folge träumt gleichsam von der davor: So ist die Serie aufgebaut. Sie hat kein festes Genre, sondern versucht, auf mehreren Ebenen immer gleichzeitig zu funktionieren. Aber die Geschichte hat eine stringente innere Logik, es ist jetzt nicht so, dass sie eine absurde Aneinanderreihung von Szenen ist.

Mir fehlen jetzt bei unserem Gespräch noch eineinhalb Folgen der Serie. Bis hierhin aber haben Sie als Autor und Regisseur die Selbstentblößung der Menschen in all ihren Formen sehr, sehr weit getrieben, weit über die Schmerzgrenze hinaus. Daraus generieren Sie auch den Humor der Serie. Der Held Tristan stürzt von einem Alptraum in den nächsten, und die Menschen um ihn herum machen sich unentwegt zum Honk.
Schalko: Die Menschen sind allesamt Sklaven einer Prämisse, um die es in der jeweiligen Folge geht, und diese Prämissen führen unentwegt zu Extremsituationen. Wenn sich alle zum Beispiel plötzlich die Wahrheit sagen, dann liegt die Aggression nicht fern. Oder wenn alle Menschen alles über Tristan wissen, verändert das ebenfalls deren Verhältnis zu diesem. Man hat es also immer mit radikalen Situationen zu tun, auf die die Menschen unterschiedlich reagieren. Die Charaktere in dieser Serie haben dadurch was Künstliches und teilweise etwas Klischiertes, was aber viel mit Staffel 2 zu tun hat, falls es eine zweite Staffel gibt. (muss lachen)

In jedem Alptraum gibt es die Möglichkeit des Aufwachens. Wenn wir „Ich und die anderen“ als existenzielle Krise des Menschen und als Alptraum wahrnehmen, haben wir jedoch ein Problem. Ein Dialog geht so: „Ich dachte schon, Sie wachen nie auf.“ Und Tristan sagt: „Ich war wach.“ Darauf die Antwort: „Dann schlafen Sie jetzt.“ Es gibt kein Wachsein, Schlafen und Wachsein sind in Ihrer Serie Konstrukte. In welchem Zustand befinden wir uns überhaupt gemeinsam mit Tristan?
Schalko: Das ist in der Tat ein wacher Traumzustand. Vielleicht ist es so was wie ein luzider Traum. Die Serie hat keine naturalistische Erzählung, die zwischen Tag und Nacht unterscheidet oder zwischen Surrealismus und einem realistischen Raum. Es ist eine sehr eigene Welt, denn das Zeitgefüge existiert ja in der Form auch nicht. Man hat das Gefühl, es ist alles gleichzeitig da, und die Frage ist immer, wo man gerade hineinsieht. Es ist im Prinzip wie in der Gödel’schen Mathematik, es ist immer alles gleichzeitig da. Die Serie hat überhaupt sehr viel mit Gödel zu tun. (lächelt schelmisch) (Der österreichische Mathematiker Kurt Gödel hat Anfang der 1930er Jahre mit dem Unvollständigkeitssatz bewiesen, dass in der Mathematik wie auch in allen anderen hinreichend widerspruchsfreien Systemen Aussagen gibt, die nicht beweisbar sind. Gödel hat es damit bei den Philosophen zu einem der meistzitierten Mathematiker gebracht. Die Red.)

Katharina Schuettler und Tom Schilling in der Serie „Ich und die anderen“
Katharina Schüttler und Tom Schilling in „Ich und die Anderen“ Foto: Sky_© Sky Deutschland/Superfilm/Ingo Pertramer

Das hatte ich mir überhaupt noch nicht erschlossen. Der Dreh muss Ihnen unheimlich viel Spaß gemacht haben. Sie konnten von bürgerkriegsähnlichen Zuständen bis zu kitschigen Musicalsequenzen und von hanebüchener Satire bis zu todtraurigen Momenten unheimlich Unterschiedliches inszenieren und drehen.
Schalko: Das ist aber auch sehr anstrengend, das sollte man nicht vergessen! Aber ja, klar, es war jeder Tag völlig anders. Man konnte nie sagen, heut ist es so wie gestern. Wir hatten jeden Tag andere Herausforderungen, Neuland, das wir oft erst lernen mussten, und herausfinden, wie das geht. Gleichzeitig war das auch das Schöne daran.

Haben Sie im Sinne der gespielten Handlung chronologisch gedreht?
Schalko: Nein. Man dreht meistens nach Locations, weil alles andere teuer und komplizierter ist. Gleichzeitig macht es das natürlich schwierig, denn man muss ständig funktionieren und wissen, wo man in der Geschichte gerade ist.

David Schalko: Grundidee eröffnet sich erst in Staffel 2

Kommen wir zu Klischees, die Sie ja schon angesprochen haben: Männer mit ihren großen Espresso-Siebträgermaschinen, am besten noch flankiert auf dem Board von fünf Mahlwerken, dominieren die Serie. Männer mit angeblich größten Schwänzen dominieren nicht nur ihre Söhne. Frauen, die – nicht nur metaphorisch gesprochen – tote Pferde reiten. Frauen, die auf immer neue Art den Infight des Beziehungsgesprächs suchen. Sind wir, falls wir hier gespiegelt werden, nichts anderes als lebende Klischees?
Schalko: Nein, überhaupt nicht. Aber warum hier so viele Klischees vorkommen und die Art und Weise, wie sie eingebettet sind, hat sehr viel mit der Grundidee der Serie zu tun, die sich erst in der zweiten Staffel offenbart. Aber die Figuren sind ja auch übers Klischee hinaus entwickelt, nur die Grundannahme ist ein Klischee. Und das ist auch ganz wichtig. Es ist eine Art Simulation, eine Versuchsanordnung anhand von Prämissen, die zu komplexen Umständen führt, die Figuren erfüllen eine Funktion. Die Künstlichkeit der Figuren wohnt ihnen damit schon inne, sie agieren anders, als sie es in einer naturalistischen Schilderung täten.

Die Figuren reflektieren sich auch selbst, sie gehen zum Therapeuten und sagen in ihrem Umfeld Sachen wie Tristans Mutter zu Tristan: „Ich war dir eine schlechte Mutter, jetzt sei mit auch ein schlechter Sohn. Das gebietet der Anstand.“ Es wird also schon auf der Metaebene verhandelt.
Schalko: Genau. Die Handlung geschieht auf der Metaebene, und die Figuren nehmen sich auch auf der Metaebene wahr. Sie sind nicht so gestrickt, wie man normalerweise Figuren strickt. Die beobachten sich, die kommentieren sich, so als würden sie sich selbst schreiben, während sie in Erscheinung treten.

Wann war denn der Spaß am größten: als Sie die Monologe und Dialoge schrieben, oder dann, als Martin Wuttke, Sophie Rois oder Lars Eidinger sie performten?
Schalko: Das ist jetzt eine schwierige Frage: Es war beides gut.

Hatten Sie beim Schreiben schon die Besetzung im Kopf?
Schalko: Lars Eidinger und den Tom Schilling hatte ich im Kopf auch Sophie Rois und Martin Wuttke. Auch Sarah Valentina Frick schon, es war ungefähr die Hälfte der Schauspieler schon während des Schreibprozesses in meinem Kopf.

Ich und die anderen: Sophie Rois reitet ein totes Pferd.
Sophie Rois in „Ich und die Anderen“ Foto: Sky_© Sky Deutschland/Superfilm/Ingo Pertramer

Wie haben Sie denn einzelne Schauspielerinnen und Schauspieler dazu gebracht, dass sie sich mit solcher Leidenschaft zum Honk machten? Ich denke dabei vor allem an Martin Wutte und Sophie Rois in der ersten Folge, die ja unglaublich performen.
Schalko: Wenn eine angstfreie und lustvolle Atmosphäre am Set herrscht, in der sich alle frei fühlen, dann führt das – so ist meine Erfahrung – zu sehr viel Spielfreude.

Egoistische Liebe, altruistische Liebe, Wahrheit als ideologisches Konzept: sie deklinieren vieles durch und lassen es immer im Exzess enden. Was wollten Sie uns zeigen?
Schalko: Das Ich in all seinen Facetten, wie es sich zusammensetzt und in welchem Verhältnis es zu den anderen steht. Das Ich ist ja etwas sehr Fragwürdiges und meiner Meinung nach auch sehr Bewegliches, es ist viel beweglicher, als wir denken. Und es ist immer eine Frage, aus welcher Perspektive wir das Ich betrachten. Wenn ich mich frage, was die anderen über mich denken, ist das ein anderes Ich, als wenn ich nur auf mein Ich-Gefühl höre, das in mir sitzt. Das macht jeweils ganz andere Themen auf.

In der ersten Folge wissen alle anderen plötzlich alles über den Helden Tristan, und damit geht das ganze Dilemma der Serie los. Wobei ich immer noch nicht kapiere, wie Tristan in diesen Zustand kommen konnte, ohne es sich vorher gewünscht zu haben …
Schalko: Das wird in der zweiten Staffel aufgeklärt. (lächelt schelmisch)

Schalko: Die Ästethik von David Lynch ist mir sehr wichtig

Sie machen ja wirklich unentwegt Werbung für die Fortsetzung der Serie! Kommen wir zu David Lynch: In einer Folge zitieren Sie unentwegt aus der Serie „Twin Peaks“: Der Basslauf einer Melodie, deren Töne genauso die Modulation wechseln, wie dies in „Twin Peaks“ geschieht. Ganz kurz taucht der rote Samtvorhang aus der Black Lodge auf, und Tristans frühere Freundin Franziska, gespielt von Mavie Hörbiger, zitiert im Raum des Waldhauses schwebend die ermordete Laura Palmer.
Schalko: Sie haben jetzt etwas mehr von David Lynch hineininterpretiert, als intendiert war. Der Basslauf stimmt, aber beim Vorhang hätte ich jetzt nicht an Lynch gedacht. Grundsätzlich aber ist die Ästhetik von David Lynch für mich sehr wichtig. Es gibt immer wieder Situationen, wo ich mit ihm Kontakt aufnehme. In der Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gab es auch eine Nummer von David Lynch. Ich bin aber kein Lynch-Eklektiker oder so was. Ich zitiere immer wieder Dinge aus der Filmgeschichte und versuche sie spielerisch einzusetzen. Das liegt aber auch ein bisschen an der Zeit, in der wir leben und die schon so viel Filmgeschichte hinter sich hat, und man dieses Wissen assoziativ einsetzen kann. Die Leute lesen Film heute anders, sie haben immer ihr gesamtes Filmwissen mit dabei, und so lesen sie – wie Sie auch – einen roten Vorhang, der sehr an David Lynch erinnert.

Das mit der Assoziation kann natürlich sein. Zuerst kam der Basslauf, der bei mir ein Gefühl weckte: Das ist doch, das ist doch – genau: Lynch!
Schalko: Genau, es wird vielleicht über den Zeitraum von zehn Sekunden das Gefühl für eine ganze Serie abgerufen. Das macht dann ganz viele Synapsen auf, von denen manche vielleicht gar nicht intendiert sind oder der sich die Serie vielleicht gar nicht bewusst ist. Ich finde gerade interessant, dass dann eine Kommunikation auf eine sehr unterschwellige Art beginnt, die sich vielleicht gar nicht so recht formulieren lässt.

Jetzt haben Sie gleich mehrmals auf die zweite Staffel aufmerksam gemacht und hier im Interview Cliffhanger eingebaut. Wann wird die gedreht?
Schalko: (lacht) Ich weiß nicht, ob sie gedreht wird. Es hängt glaub ich davon ab, ob die erste Staffel erfolgreich ist.

Dann habe ich jetzt aber ein paar offene Fragen, wenn die durch keine zweite Staffel beantwortet werden!
Schalko: (wehrt lachend ab, Antwort geht in Gelächter unter)

Interview: Jürgen Wittner

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