„Die Fabrik“ von Hiroko Oyamada
In ihrer Heimat brachte ihr der absurde, rätselhafte, auch komische Plot von „Die Fabrik“ naheliegende Vergleiche mit Kafka ein, denn der Debütroman von Hiroko Oyamada ist eine bitterböse Satire auf die Arbeitskultur Japans.
„Die Fabrik“ von Hiroko Oyamada ist unsere Buchempfehlung der Woche.
In Japan gibt es die Legende, nach der, wer 1 000 Origami-Kraniche faltet, einen Wunsch frei hat. Doch in der Fabrik gibt es keine Kraniche – nur diese seltsamen schwarzen Vögel, die an Kormorane erinnern, aber dem Fabrikgelände eigen sind. Dass dieses Gelände sein eigenes Ökosystem nicht nur mit Vögeln, sondern auch besonderen Nutrias und Echsen hat, ist bei der schieren, stadtgleichen Größe keine Überraschung. In „Die Fabrik“ lässt Hiroko Oyamada drei Figuren in diesem gigantischen Labyrinth umherirren. Sie alle sind dankbar, einen Job gefunden zu haben, auch wenn nicht ganz klar ist, was der Job eigentlich soll: Yoshiko steht den ganzen Tag am Schredder, um Dokumente zu vernichten, während ihr Bruder ein paar Stockwerke weiter oben Texte Korrektur liest, ohne zu wissen, wo sie danach landen. Und Yoshio Furufue bekommt den unmöglichen Auftrag, die zahllosen Dächer der Fabrik zu begrünen, veranstaltet aber eigentlich nur Touren, bei denen Schulkinder etwas über Moose lernen.
Als Oyamada ihren Debütroman 2013 veröffentlicht hat, hat er in Japan für viele Diskussionen gesorgt: Der absurde, rätselhafte, auch komische Plot, der in äußerst präziser und mechanischer Sprache abgespult wird, hat ihr naheliegende Vergleiche mit Kafka eingebracht. Zugleich ist der Roman unschwer als bitterböse Satire auf die Arbeitskultur Japans zu verstehen: In ihren Figuren, die leidenschaftslos einen monotonen, buchstäblich sinnlosen Job machen, weil der Markt sie dazu zwingt, die zwischen Zeitarbeit, irritierenden Kolleg:innen und befremdlichen Vorschriften jeden Bezug zur Außenwelt und sich selbst verlieren, konnten sich viele Leser:innen wiederfinden. Obwohl oberflächlich nichts wirklich Gefährliches geschieht, wird mit jedem Arbeitsessen und unfreiwilligem Nickerchen das Gefühl der Bedrohung größer, als würde sich eine unsichtbare Schlinge zuziehen. Da faltet man doch lieber Kraniche.
Mit „Die Fabrik“ hat es Hiroko Oyamada auf unsere Liste der besten Bücher im März 2026 geschafft.