Doppelhaushälfte: Ufos über Schönefelde!
Die Serie „Doppelhaushälfte“ wagt in ihrer fünften Staffel einen witeren Schritt zur Abkehr vom Seriellen. Wir sehen ästhetisch fast immer eigenständige Filme.

Kurz gesagt
Bereits in der zweiten Staffel der Comedyserie „Doppelhaushälfte“ erlaubten es sich Drehbuch und Regie, mit einzelnen Folgen komplett etwa ins Metaversum zu gehen oder das Zombiegenre zu persiflieren. Jetzt dreht es „Doppelhaushälfte“ mit der Aneignung fremder Genres auf die Spitze: Der Ostwestern wird genauso durch den Fleischwolf gedreht wie die Serie „Akte X“ oder der Endzeitfilm „Melancholia“ von Lars von Trier. Staffel 5 der Serie „Doppelhaushälfte“ läuft jetzt bei ZDFneo und kann in der ZDF-Mediathek gestreamt werden.
Die Charaktere sind den Fans seit der ersten Staffel bekannt, Neueinsteigern wachsen sie schnell ans Herz: Der von Milan Peschel mit viel Hingabe gespielte Andi Knubbe ist mit allen Wassern der Unbedarftheit gewaschen. Der arbeitslose Ex-Polizist ist mit der Deutsch-Vietnamesin Tracy verheiratet. Minh-Khai Phan-Thi spielt diese geschäftstüchtige Brandenburgern mit Berliner Schnauze und gutgehendem Schönheitssalon so taff wie warmherzig. Die aus Mitte Zugereisten sind genauso gekannt: Der oft nachgiebige und doch seine eigenen Interessen durchsetzende Musiklehrer Theo Krüger (Benito Bause) und seine Frau Mari Sawadi (Maryam Zaree), die beim US-amerikanischen Elektroautokonzern Tecla (sic!) arbeitet, versuchen politisch korrekt zu leben, scheitern aber immer wieder an den einfachsten Dingen. Fehlen noch die Kinder: Marie und Theo bringen Zoe mit in die Serie (Helena Yousefi), bei den Knubbes ist es der stille, aber auf nerdige Art sehr kluge Rocco (Hoang Minh Ha). Dass Theo nicht der leibliche Vater ist und Andi seine Vaterschaft massiv bezweifelt, sei hier nur am Rande erwähnt.

Anstatt das unmögliche Unterfangen anzugehen, einer Comedyserie relevante Entwicklung in die Handlung zu schreiben, machen sie aus der Serie einzelne Filme mit ganz eigenem Charakter und Stil in Ton wie Bild, auch der Schnitt und die Kamera passen sich an. Vorbild kann schlicht ein ganzes Genre sein, wie es der Western in „Mann aus Schönefelde“ ist. Oder eine einzige Serie wie etwa „Akte X“ bei der Folge „Ufo“. Die Folge „Musical“ wiederum handelt vom Einstudieren eines Musicals an Theos Schule einerseits und ist gleichzeitig selbst wie ein Musical aufgebaut. „Roadtrip“ schließlich holt sich Anleihen aus einzlen Szenen von „Thelma & Louise“. In „Mann aus Schönefelde“ gelingt die Überlagerung unterschiedlicher Thematiken besonders gut: Das Genre des DDR-Westerns wird vor dem Hintergrund diskutiert, dass Weiße sich nicht als Indigene verkleiden und die indigene Bevölkerung nicht Indianer genannt werden dürfen. Gleichzeitig ist diese Geschichte wieder nur eine Metapher für die kapiatalistitische Unterwerfung des Ostens durch den Westen, was völlig neue Verwerfungen vurursacht. Die in einem Westerndorf spielende Folge ist trotz vieler Pointen nur beiläufig komisch, so ernst ist ihre grundlegende Aussage. Nicht immer gelingt „Doppelhaushälfte“ dieser Tiefgang, klar, und manche Folgen misslingen auch in ihrem Ansatz oder halten ihn nicht durch. Und auch eine solch ästhetische Radikalität wie in der Folge „Quarantäne“ aus der zweiten Staffel wird nicht mehr erreicht. Noch heute kann man die letzten zwölf Minuten der Folge in der Mediathek nur anschauen, wenn man die Pin für den Kinderschutz eingerichtet hat. Trotz dieser Kritik im Detail gehört auch die neue Staffel von „Doppelhaushalte“ zum Besten, was deutsche Comedy aktuell im Fernsehen anzubieten hat.
Film

Sehenswert

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