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Film

Rosalie Thomass und Aron Lehmann über Lügen über meine Mutter

Eine wahre Geschichte aus den 80ern: ein Kind muss zusehen, wie seine Mutter vom Vater aufgrund ihres Gewichts schikaniert wird. Hauptdarstellerin Rosalie Thomass und Regisseur Aron Lehmann wissen, dass die Geschichte längst nicht auserzählt ist.

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Der von Tobis Filmproduktion München GmbH produzierte Kinofilm „„Lügen über meine Mutter““. (Foto: Tobis Film/Foto Dicks)

Rosalie, Aron, wie ist die Idee, Daniela Dröschers Roman „Lügen über meine Mutter“ auf die Leinwand zu bringen, ursprünglich aufgekommen?

Rosalie Thomass: Diese Idee stammt von meiner Kollegin Paula Paul, die begeistert von dem Roman war. Sie hat mir davon erzählt und gesagt: Rosalie, du musst das Drehbuch schreiben und auch die Hauptfigur spielen! Da habe ich mir das Buch besorgt, es weggezischt – und mich bei ihr bedankt. Dann habe ich mich mit einem Ideenpapier beworben und für die Autorin Daniela Dröscher noch einen kleinen Liebesbrief dazugelegt, in dem stand, warum mich das Buch persönlich so berührt hat, was es mit meinem eigenen Aufwachsen zu tun hat. Ich bin Paula auf ewig dankbar, dass sie mich da gepusht hat, denn auch einer selbstbewussten Frau wie mir tut es gut, dass eine andere Frau sagt: Ich traue dir das zu.

Rosalie Thomass Foto:  Linda Rosa Saal
Aron Lehmann Foto: Linda Rosa Saal

Nun verarbeitet Dröscher im Buch ja ihre wirkliche Kindheit. Wie habt ihr entschieden, wo ihr nah an der Vorlage bleibt und wo ihr euch Freiheiten nehmt?

Thomass: Man kann mit den Themen des Romans auf ganz verschiedene Arten umgehen. Zum Beispiel mit Blick auf das Thema Körper: Als Leserin, Autorin und Spielerin ging es mir gar nicht um den konkreten Körper der Mutter, sondern um den Mechanismus von Macht, Kontrolle und psychischer Gewalt. Auf welcher Ebene die Partnerin abgewertet wird, ist am Ende austauschbar. Deshalb ist der Körper im Film am Rande unserer Sehgewohnheiten: irgendwie „okay“, aber gerade so, dass man in Versuchung geraten kann, sich zu fragen, ob Werner nicht vielleicht doch Recht hat. Dabei habe ich mich nämlich auch beim Lesen ertappt – und mich dann gefragt: Wer entscheidet denn, ab wann ein Körper nicht mehr „zumutbar“ist?

Aron Lehmann: Wir haben durchgehend mit Rosalies echtem Körper gearbeitet, trotzdem ist die Wahrnehmung auf diesen total anders, je nachdem, aus welcher Perspektive das Publikum darauf schaut. Wir sind alle manipulativ. Ist dir aufgefallen, dass die Größe des Eisbechers variiert?

Ich muss zugeben, das habe ich gar nicht gemerkt.

Lehmann: Als Cornelia sich in deiner Eisdiele hinsetzt, ist ihr Eisbecher ein normaler Eisbecher – erst, als Ela ihrer Mutter beim Essen zusieht, ist dieser plötzlich viel größer. Das ist sehr subtil, es fällt keiner Sau auf, aber hinterlässt eine Spur. Und es bezieht das Publikum mit ein: Wann hören wir auf, einen Körper nur anzuschauen, und wann fangen wir an, einen Körper zu bewerten?

Spannend ist ja auch, dass Cornelia eigentlich gar nicht dem Klischee einer unterdrückten Frau entspricht.

Thomass: In Filmen wird gerne das Bild einer schwächlichen Frau, die sich alles gefallen lässt, reproduziert – was aber letztlich die Verantwortung vom Täter zum Opfer schiebt. Ich wollte sichtbar machen, dass eben gerade die kraftvolle, kompetente, kluge Frau auf ihren Partner wie ein Angriff wirken kann.

Die Ich-Erzählerin Ela, gespielt von Elise Lindner, unterbricht gern mal die Vierte Wand. Auch eine Art, das Publikum miteinzubeziehen …

Thomass: Im Roman gibt es zwischendurch Einlassungen zu den gesellschaftlichen Hintergründen. Da hatten Aron und ich ein unterschiedliches Leseerlebnis: Ich hätte sie nicht unbedingt gebraucht, während du, Aron, froh darüber warst. Für das Drehbuch habe ich diese Einordnungen dem Kind gegeben, was spannend war, weil die Erzählerin im Roman aus einer erwachsenen, gereiften Perspektive erzählt. In unserem Film hat die kindliche Ela Erzählerin bereits die Reife der Erwachsenen – wir mussten nur eine Schauspielerin finden, die das kann. Zum Glück war schon beim Casting klar, dass Elise das mühelos hinbekommt.

Auch in der Musik gibt es ein bewusstes Entfremdungsmoment, denn der Soundtrack klingt zwar nach den 80ern, ist aber in Wahrheit hochmodern.

Lehmann: Manchmal bestimmen Filme selber, wo sie hinwollen. Rosalie hatte eine wunderschöne Playlist zusammengestellt, eher Originale aus den 80ern – die Rechte waren allerdings einfach nicht erschwinglich. Gleichzeitig war es total wichtig, dass die Musik stimmt. Und dann ist uns diese Band Principess mit Maria Moling, Julia Viechtl und Teresa Staffler zur richtigen Zeit begegnet, mit den richtigen Texten: Rosalie ist eng mit einer der Bandleaderinnen befreundet, wir waren schon dabei, als einige der Songs entstanden sind. Als ich die Musik gehört habe, war ich begeistert. Es klingt nach den 80ern, punkig, nach Neuer Deutscher Welle, aber die Texte sind modern. Das passt perfekt zu Ela: der Sound von früher mit der Haltung von heute.

Thomass: Je weiter ich eingestiegen bin, desto erschütterter war ich, wie gültig diese Geschichte heute noch immer ist. Ich hatte deshalb während des Schreibens eine Phase, in der ich den Film heutzutage spielen lassen wollte. Das hätte uns aber zu weit vom Roman entfernt, und es fügt sich wunderbar, dass wir durch die Musik dieses heutige Element haben. Und ein Film ist als Kunstform immer eine Behauptung, also dürfen wir uns auch Freiheiten nehmen. Am liebsten mochte ich den Moment, in dem du, Aron, gesagt hast: Wir sind doch in der Erinnerung eines Kindes! Ela baut die Welt von damals in ihrem Kopf nach. Dieser Gedanke hat alle Abteilungen künstlerisch sehr beflügelt.

Wie war die Arbeit am Set insgesamt?

Thomass: Ich habe bei dieser Arbeit eine Erfahrung gemacht, von der ich wünschte, ich müsste sie nicht extra betonen. Und zwar eine Offenheit und ein Zuhören, auch auf der Entscheider-Ebene. Ich wurde nach meinen Ideen und Meinungen gefragt. Wie erzählen wir etwa visuell eine Frau, die weinend zusammenbricht? Diese respektvolle Art könnten gerne ganz viele Produktionen nachahmen. Meiner Meinung nach ist es am Ende nicht immer entscheidend, ob am Ende auf dem Papier steht, dass der Regisseur oder Produzent oder Kameramann ein Mann war. Entscheidend ist, dass meine weibliche Perspektive gehört wird. Auch als Mann kann man seine Machtposition und sein Talent durchaus in den Dienst einer weiblichen Geschichte stellen, das ist möglich.

Die Geschichte spielt in den 80ern, aber die Relevanz für die Gegenwart ist unübersehbar. Sind wir in Bezug auf weibliche Freiheit trotzdem weiter als damals?

Lehmann: Ich finde, der Widerstand ist im Moment extrem. Es gibt eine riesige Angst davor, zuzulassen, dass Frauen wirklich auf Augenhöhe ernst genommen werden. Bei vielen Männern, die ich eigentlich für aufgeklärt halte, überrascht mich immer wieder, dass es einen Kipppunkt gibt, ab dem ganz schnell gemauert wird. Der Reflex ist, von sich weg auf andere zu zeigen: „Ich mache doch sowas nicht“. Ich war sehr dankbar, dass Rosalie und Daniela mich auf diese Reise mitgenommen haben, und ich glaube, viele Männer in unserem Team – ich selbst eingeschlossen – haben während des Drehs eine echte Entwicklung durchgemacht. Denn als Mann sollte man sich eingestehen können, dass man das Spiel mitgespielt hat, dazu zähle ich auch Schweigen, und auch Zuhören ist zu wenig. Im Zweifel ist das aber immer noch bequemer, als zu handeln. Ich kenne diesen Widerstand auch in mir selbst. Aber erst die Scham darüber gibt einem die Möglichkeit, etwas zu ändern. Aus der Scham entsteht eine Chance.

Thomass: Wir hatten kurz den Trend von Body Neutrality bzw. Positivity, wo in Werbungen, Filmen und auf den Laufstegen unterschiedliche Menschen sichtbar wurden. Aber auch dieser Korridor ist fast wieder geschlossen. Nichtsdestotrotz bin ich ein hoffnungsbegabter Mensch: Dieser starke Backlash, diese panikhafte Reaktion zeigt mir, dass wir schon große Fortschritte gemacht haben müssen. Würden sich patriarchale Strukturen nicht von weiblicher Selbstbestimmung bedroht fühlen, gäbe es dieses Aufbäumen nicht. Aber wir werden unsere Errungenschaften nicht wieder hergeben – Männer müssen lernen, damit umzugehen. Ich bin da zuversichtlich, ich traue das den Männern zu. (schmunzelt)

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