Forager im Interview: Live über alles
Shyamala Ramakrishna (Gesang), Jack Broza (Gitarre/Bass) und Colum Enrique (Schlagzeug) machen als Forager unerhört komplexe Musik. Jetzt kommen sie nach Deutschland.
Der Albumtitel „Even a Child can cover the Sun with a Finger“ ist ein Zitat des chilenischen Autors Benjamín Labatut. Wie seid ihr darauf gestoßen, und was bedeutet es für euch?
Forager: Unser Gitarrist Jack ist dem Zitat in Labatuts Buch „Das blinde Licht“ begegnet. Die Phrase kam ihm sofort bedeutsam und vielschichtig vor, deshalb hat er sie in den Text zu dem Song „Double Dutch“ eingebaut. Wir mögen die Zeile alle drei, weil man sie auf verschiedenartige Weise interpretieren kann: Sie kann buchstäblich gemeint sein – als Fakt über Physik und visuelle Perspektive – oder metaphorisch – über Naivität, Jugend, Reifen oder Vermeidung.
Wie viel Literatur steckt generell in eurer Musik?
Forager: Literatur ist einer unserer großen Einflüsse. Wir stecken genau so viel Arbeit in jede Textzeile als in die vielen instrumentalen Schichten unserer Songs. Unser Ziel ist, dass unsere Lyrics so fesselnd sind wie die Prosa unserer Lieblignsautor:innen. Neben Labatut gibt es mehrere andere literarische Inspirationen, die auf dem Album zu finden sind – manche haben wir im Covertext der Platte zitiert. Ihr findet sie auch auf unserer Bandcamp-Seite.
Das hier ist euer zweites Album. Wie verhält es sich zu eurem Debüt „Pipedream Firewood“ (2023)?
Forager: Das Debüt war eher eine zufällige Zusammenstellung aus Songs, die wir damals aufgenommen hatten. Wir sind immer noch stolz darauf, aber hatten auch große Lust darauf, unser zweites Album mit mehr Vordenken und Planung anzugehen. Dieses Mal haben wir uns mehr Zeit genommen, und die Mitte, die alles zusammenhält, ist ein bisschen bewusster gewählt.
Insgesamt ist „Even a Child“ außerdem düsterer. Das Thema Desillusionierung zieht sich durch: In „Your good Time“ geht es um den Preis des Vergnügens. „Split Lip“ fragt, ob es sich am Ende wirklich lohnt, Eltern zu werden. Und „Age of Mythology“ ist die Geschichte eines kreativen Kindes, das herausfindet, dass die Karriere als Künstler:in in Wahrheit ein ziemlicher Ausdauersport ist. Auf diese Weise ist es gezwungenermaßen autobiografisch, weil wir drei alle gemeinsam aufwachsen.
Eure Musik steckt voller ungewöhnlicher Strukturen und Wendungen. Wie schafft man da die Balance, um den Pop-Appeal nicht zu verlieren?
Forager: Wir zielen immer auf Songs ab, die durch und durch Pop sind, aber sehen das nicht als unvereinbar mit Überraschungen, Seltsamkeiten oder komplizierten musikalischen Ideen. Auf dem neuen Album gibt es diverse kleine Geräusche, ein bisschen mehr Chaos – und ein paar echt rockige Momente, die es in unserem Sound bisher noch nicht gab. Am stolzesten sind wir, wenn diese Elemente, die uns eigen sind, komplett natürlich neben den Mitsingmomenten stehen. Ein Song, auf dem das besonders gut gelungen ist, ist „Pomeranian“: Der hat online ziemlich viel Aufmerksamkeit von Musiknerds bekommen, weil der Rhythmus so ausgefallen ist, aber es steht immer noch ein eingängier Refrain im Zentrum. Am Ende wollen wir, dass unsere technischen Entscheidungen eine Bedeutung und eine Stimmung hervorbringen, mit der alle etwas anfangen können.
Ihr werdet für eure Liveshows gefeiert, unter anderem für eure Teilnahme am Tiny Desk Contest und ein Tiny Desk Concert. Was ist euch wichtiger: Studio oder Bühne?
Forager: Im Herzen sind wir Performer:innen, und unsere Musik ist für Konzerte konzipiert. Wann immer wir etwas schreiben, fragen wir uns: Wie wird das auf der Bühne klingen? Mehr als die Hälfte der Songs auf dem neuen Album haben wir live geübt und gespielt, bevor eine einzige Note aufgenommen wurde. Für uns fühlt es sich der Feinschliff eines Songs natürlicher an, wenn wir schon ein gutes Gefühl dafür haben, wie seine Persönlichkeit auf der Bühne wirkt – und dabei ist das Publikum unabdingbar. Zugleich haben wir die Liveversionen der Songs im Studio weiterentwickelt, also ist es ein Geben und Nehmen. Uns ist es wichtig, dass wir alles, was wir schreiben, auch live wiederholen können: Trotz der Vielschichtigkeit lässt sich alles auf eine Band runterbrechen, die normalerweise als Quartett tourt.
Im Oktober kommt ihr zum ersten Mal auf Tour nach Deutschland. Was sind eure Erwartungen?
Forager: Wir sind einfach begeistert, dass wir mit unserer Musik um die Welt reisen können, und die Europa- und UK-Tour wird bestimmt ein Highlight unserer Reise als Band. Wir gewöhnen uns noch an den neuen Enthusiasmus, der uns aus verschiedenen Teilen der USA entgegenschlägt. Dasselbe in Berlin und Köln zu erleben, wird sicher noch surrealer und toller.