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Gerhard Henschel: „Mal was Schönes / über Uli Hoeneß“

Gerhard Henschel
Gerhard Henschel veröffentlicht mit „SoKo Fußballfieber“ seine neue Krimipersiflage.Foto: Jochen Quast

Herr Henschel, eine private Fußballfrage vorneweg: Werden Sie sich Spiele der WM 22 in Katar im Fernseher anschauen? Und wie ist es mit der EM in diesem Sommer?
Gerhard Henschel: Wahrscheinlich werde ich mir lieber wieder einmal alle Folgen der Sopranos ansehen. Die Kriminellen, die darin vorkommen, sind mir sympathischer als die der Fifa.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dem Sultan von Brunei eine Bewerbung um die Austragung der Fußballweltmeisterschaft 2034 in Brunei anzudichten? Der Sultan selbst ist doch eher für seine Leidenschaft für den Pferdesport bekannt.
Henschel: Es sollte ein Land sein, das als Austragungsort noch absurder wäre als Katar, und es sollte von einem Schurken regiert werden. Da hat das Sultanat Brunei sich wie von selbst angeboten.

Ich finde, dass Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß – gemessen an Ihrem schriftstellerischen Potenzial für scharfe Satire – viel zu gut wegkommen. Die beiden werden fast schon liebevoll geschildert in ihrer argen Unbedarftheit.
Henschel: Gerade an diesen zwei Lausbuben habe ich beim Schreiben meine helle Freude gehabt. In meinem Roman bleiben sie deutlich unter ihren Möglichkeiten, und in dieser Form gefallen sie mir viel besser als in der kruden Wirklichkeit. Außerdem habe ich hier eine Empfehlung des Chansonniers Thomas Pigor befolgt, der gesungen hat: „Sag doch mal was Schönes / über Uli Hoeneß …“

Befürchten Sie Klagen?
Henschel: Nein. Meine Romanfiguren wären jedenfalls schlecht beraten, wenn sie gegen ihren Schöpfer aufbegehren sollten.

Da haben Sie mit Kai Diekmann aber andere Erfahrungen gemacht anhand einer Satire in der Tageszeitung taz über eine angebliche Penisverlängerung beim Bild-Chef.
Henschel: Mit seiner Klage hat Diekmann sich damals keinen Gefallen getan. Seine Forderung nach 30 000 Euro Schmerzensgeld ist vom Berliner Landgericht mit der überzeugenden Begründung abgewiesen worden, daß er der Chefredakteur der Bild-Zeitung sei. Später hat er erklärt, dieser Prozess sei der größte Fehler seines Lebens gewesen.

Und um beim Fußball zu bleiben: Das Satiremagazin Titanic erhielt Anfang der 2000er Jahre vom DFB die Androhung einer Schadensersatzklage in Höhe von 600 Millionen Mark, weil sie in einem Fax den Delegierten bei der Abstimmung zur Vergabe der WM für 2006 eine Kuckucksuhr und einen Schwarzwälder Schinken versprach, falls sie für Deutschland stimmen sollten. Fußballverbände scheinen bei Satire genauso wenig Spaß zu verstehen wie die katholische Kirche.
Henschel: Humorlosigkeit ist vermutlich eine Einstellungsvoraussetzung für Fußballfunktionäre. Tatsächlich hat der kleine Schabernack der Titanic ja überhaupt erst dazu geführt, dass die WM nach Deutschland vergeben worden ist.

Wie schon in Ihrer ersten Krimipersiflage „SoKo Heidefieber“ spielen Menschen aus der Literaturszene mit. In „SoKo Heidefieber“ ließen Sie dem Schriftsteller Frank Schulz schwere Unbill widerfahren. Diesmal ist der Dichter Thomas Gsella dran. Der arme Gsella muss wahre Martyrien durchstehen, gebrochene Beine und durchstoßene Wangen sind da nur zwei Beispiele. Was sagen die Herren selbst dazu?
Henschel: Frank Schulz und Thomas Gsella haben alles gelesen und gutgeheißen. Sie sind gestandene Mannsbilder und halten deutlich mehr aus als die Jugend von heute. In meinem nächsten Kriminalroman werde ich die beiden deshalb gemeinsam auf eine abwechslungsreiche Reise durch Süd- und Mittelamerika schicken, bei der ihnen die Kugeln nur so um die Ohren fliegen.

Können Sie schon andeuten, in welche kriminellen Machenschaften Schulz und Gsella dann verwickelt werden?
Henschel: Sie bekommen es mit dem einen oder anderen Drogenbaron zu tun.

Apropos gestandene Mannsbilder: Man wird es in Ihrem nächsten autobiografischen Martin-Schlosser-Roman nachlesen können, der im Herbst erscheint und ihre Zeit in den 1990ern bei der Titanic in Frankfurt behandelt: Sie haben damals mit Thomas Gsella in der Redaktion des Satiremagazins gearbeitet. Was hat die damalige Jugend geprägt, dass sie bedeutend mehr aushielt und jetzt noch aushält als die nachwachsenden Generationen heute?
Henschel: Das war natürlich nur ein Scherz. Die Jugend von heute ist Gold wert. Thomas Gsella ist allerdings tatsächlich ein harter Hund. Als Teenager hat er in den schlimmsten Problemvierteln seiner Heimatstadt Essen als Schülerlotse gearbeitet, und selbst bei geringfügigen Meinungsverschiedenheiten sitzt ihm die Faust noch immer locker in der Tasche.

Dann gibt es weitere Personen aus dem wahren Leben – einer von ihnen ist der Taz-Redakteur Michael Ringel. Er zieht als möglicher Retter des vermissten Poeten los und lässt sich immer wieder ablenken. Sie dichten Ringel erotische Erfolge sonder Zahl bei Frauen an, die den armen Mann bei seiner Rettungsaktion für Gsella schier verzweifeln lassen. Zwischen Iran und Indien kommt er kaum mehr aus den Betten der ihn begehrenden und fordernden Frauen raus.
Henschel: Und nicht nur das. Im Mittleren Osten kommt der Feinschmecker Michael Ringel auch kulinarisch auf seine Kosten. Mit der Rolle, die er spielt, ist er jedenfalls sehr zufrieden.

Sie veröffentlichen zuletzt häufiger eine Krimisatire als einen Martin-Schlosser-Roman. Ist das nur eine Momentaufnahme oder doch eher Ausdruck einer Veränderung bei Ihnen?
Henschel: Ich arbeite gern an ganz unterschiedlichen Büchern. In absehbarer Zeit soll ein Sammelband katholischer Fotoromane erscheinen, die der Regisseur Wenzel Storch und ich zusammengestellt haben, mit Bildern aus uralten Ministrantenzeitschriften, aber auch mit Martin Schlosser geht es weiter. Im zehnten Band habe ich mittlerweile den Sommer 1994 erreicht, und vielleicht hole ich ja noch irgendwann die Gegenwart ein. Das würde mich freuen.

Doch vorher kommt im Herbst Band 9 mit den Erlebnissen Ihres Alter Egos Martin Schlosser Anfang der 1990er. Martin hat jetzt einen Cameo-Auftritt in „Fußballfieber“, während der leidgeprüfte Thomas Gsella aus „Fußballfieber“ vermutlich auch das Romangeschehen mitprägen wird – er hat ja in den 1990ern mit Ihnen in der Titanic-Redaktion gearbeitet. Mit welchen personellen Überschneidungen zwischen Fiktion und autobiografischem Roman müssen wir in Zukunft außerdem noch rechnen?
Henschel: Wenn Martin Schlosser damit beginnt, Romane über sein Leben zu schreiben, wird er den Erzähler wahrscheinlich Gerhard Henschel nennen.

Interview: Jürgen Wittner

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