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„Freakout/Release“ von Hot Chip: Schall und Rauchen

Portraitfoto Hot Chip
Foto: Mathilda Hill Jenkins

Für Joe Goddard von Hot Chip geht es in der Musik vor allem um Kontrollverlust – und da hat er beim neuen Album „Freakout/Release“ auch schon mal ganz gezielt nachgeholfen.

Joe, mit „Freakout/Release“ erscheint ein neues Album von Hot Chip. Neben all den Platten in nun fast 20 Jahren mit Hot Chip arbeitest du auch in verschiedenen anderen Kollaborationen. Wie hältst du dabei die Spannung?

Joe Goddard: Ich bin tatsächlich ein Stück weit besessen von Musik. Als DJ spiele ich so ziemlich jedes Genre, und immer, wenn ich eine neue Kollaboration eingehe, lerne ich unglaublich viel von den anderen Künstler:innen. Ich entdecke neue Facetten an mir und an meiner Musik. Der Moment des gemeinsamen Musikmachens ist einfach total faszinierend und inspirierend.

Ihr covert bei euren Live-Shows mit Hot Chip oft „Sabotage“ von den Beastie Boys.

Goddard: Die Beastie Boys sind eine sehr, sehr wichtige Band für mich und eigentlich für jeden bei Hot Chip. Als wir Teenager waren, hat die gemeinsame Liebe zu den Beastie Boys Alexis und mich zusammengeschweißt. „Paul’s Boutique“ und „Check your Head“ haben maßgeblich meine Musik beeinflusst – ich liebe diese Alben. Auch das „Grand Royal“-Magazin, das sie vertrieben haben, war für mich total wichtig. Es hat meinen Humor und meine Weltanschauung maßgeblich beeinflusst.

Wie viel Beastie Boys steckt in eurem aktuellen Album „Freakout/Release“?

Goddard: Als wir „Sabotage“ live gespielt haben, wurde uns klar, dass unserer Musik dieses kleine bisschen Punk fehlt, also harte Gitarren und Verzerrung. Wir haben uns dann vorgenommen, diese Elemente in unser jetziges Album einfließen zu lassen. Einfach ein bisschen mehr Lärm. (lacht) Das gilt natürlich nicht für alle Songs.

Dein Hot-Chip-Kollege Al Doyle meinte, dass „Sabotage“ perfekt den Moment des Kontrollverlusts einfängt, der auch in eurer Musik so wichtig ist.

Goddard: Ja, total. Kontrollverlust ist eine urmenschliche Sache – gerade im kulturellen Kontext. In Clubs gehen, Tanzen und dem Alltag entfliehen sind ganz natürliche Verlangen. Aber es gibt da noch einen anderen Aspekt des Kontrollverlusts, der für unser Album wichtig gewesen ist: Die Pandemie hat zu einer riesigen Verunsicherung geführt – gerade in der Musikbranche. Wir hatten einfach zwei Jahre lang kaum noch Kontrolle darüber, wie wir Musiker unser Leben gestalten sollen. In diesem Sinne ist „Freakout/Release“ auch eine Erlösung aus dem Kontrollverlust.

Im Titelsong gibt es die Zeile: „Music used to be escaped/now I can’t escape it“. Das klingt nach einer fast toxischen Abhängigkeit von Musik.

Goddard: Das kann auf jeden Fall passieren. Wenn das, was du liebst, zu deinem Job wird, verändert sich einiges: Meine Beziehung zur Musik musste sich zwangsläufig ändern. Ich habe meine Art des Musikhörens quasi professionalisiert – ich höre nicht mehr nur noch, ich analysiere. Somit ist es wirklich schwer, sich die simple Freude an der Musik zu bewahren.

Und wie schaffst du das?

Goddard: Die Wahrheit ist, manchmal rauche ich einfach ein bisschen Gras – das hilft. (schmunzelt) Es bringt mich in einen anderen Bewusstseinszustand, in dem ich sogar von meiner eigenen Musik überrascht werde. Dann mache ich mir keine Gedanken mehr über irgendein Mixing oder Mastering. Was auch helfen kann, ist, die Musik in verschiedenen Kontexten zu spielen. Wenn du zum Beispiel mit deinen Freunden beim Tanzen bist, hast du überhaupt keine Zeit mehr, dir große Gedanken über die Musik zu machen.

Euer Song „The Evil that Men do“ klingt wie ein Schuldbekenntnis und die Bitte nach Vergebung.

Goddard: Den Song haben wir auf Grund der aktuellen Kolonialismus-Debatten geschrieben. Wie viele andere europäische Länder hat auch England eine schreckliche Geschichte voller Verbrechen der Ausbeutung und Sklaverei. Mit genau dieser Geschichte müssen wir uns stärker auseinandersetzen, da liegt noch viel im Verborgenen. Mich macht es extrem wütend, dass es zwar den Commonwealth gibt, aber die Menschen aus der Karibik, Afrika und Indien trotzdem als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Wir haben diese Länder über Jahrhunderte ausgebeutet und schaffen es heute nicht einmal, deren Einwohner zu akzeptieren? Das ist einfach nur unfair.

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