„Ich will leben!“: James Ellis Ford packt der Überlebenswille
Mittlerweile zählt James Ellis Ford zu den gefragtesten Produzenten der Welt, doch sein neues Soloalbum musste er in einem Krankenhaus aufnehmen.
James, wie geht es dir aktuell?
James Ellis Ford: Ich hatte eine Stammzellentransplantation, die leider nicht erfolgreich war, und so lebe ich jetzt wieder mit der geschwächten Version meines alten Immunsystems. Die Gefahr eines Rückfalls ist dadurch höher, aber aktuell habe ich keine Behandlungen außer einer monatlichen Blutuntersuchung. Ich fühle mich gut, arbeite und lebe mein Leben. Ganz abgehakt ist die Sache allerdings noch nicht.
Du hast dein Album „Lost in another World“ aufgenommen, während du mit einer akuten Leukämie in den ersten Monaten 2025 im Krankenhaus gelegen hast. Wie kann man sich das vorstellen?
Ford: Wegen meines abgeschalteten Immunsystems habe ich praktisch isoliert gelebt, wie im Gefängnis, mit Blick auf eine Welt, die draußen weitergelaufen ist. Ich war oft allein mit viel Zeit und wenig Ablenkung. Ich hatte Angst um mein Leben, und doch wollte ich etwas erschaffen, das ein bisschen wie ein Tagebuch funktioniert. Die Songs für das Album sind innerhalb von 15 bis 20 Tagen in meinem Zimmer entstanden. Meine Frau hat mir nicht nur genießbares Essen mitgebracht, sondern auch ein Mikro und einen Laptop.
Die Songs sind alles andere als laut, und die Geräusche, die du benutzt, erinnern irgendwie an ein Raumschiff.
Ford: Ich habe mich gefühlt, als sei ich irgendwo da draußen in einem Raumschiff unterwegs, ohne Kontakt zum sonstigen Leben. Klanglich habe ich mich ein bisschen an japanischen Ambient-Sounds der 80er orientiert, an Leuten wie Ryūichi Sakamoto. Diese Klänge haben meine Einsamkeit, meine Verzweiflung, meine Losgelöstheit und meine Hoffnung gut abgebildet.
Hoffnung kommt in Stücken wie „Silver Lining“ auf. Überhaupt hört sich die Platte verhältnismäßig zuversichtlich an.
Ford: Was bleibt dir in dieser Situation anderes übrig, als zu hoffen? Ich habe einen neunjährigen Sohn. Ich will leben!. Ganz bewusst habe ich versucht, keine düsteren Songs zu schreiben, weil mich das nur noch tiefer in den Schlund des Selbstmitleids gezogen hätte.
„Did you ever want to go to your own Funeral?“ klingt wie die Beschwörung deines Überlebenswillens.
Ford: Als meine Krankheit öffentlich wurde, bekam ich unglaublich viel Zuspruch von Freunden, Familie, sogar von Leuten, mit denen ich jahrelang keinen Kontakt hatte. Es hat sich angefühlt, als würde ich durch einen Türspalt bei meiner eigenen Beerdigung zusehen, bei der alle sagen: Er hätte das geliebt.
Ist es nicht ironisch, dass du ein, zwei Jahre vor deiner Erkrankung das Depeche-Mode-Album „Memento Mori“ produziert hast, dessen Titel soviel bedeutet wie „Sei dir gewiss, dass du sterben wirst“?
Ford (lacht): Der Gedanke ist mir auch gekommen, oh ja. Es ist ja schon verrückt. Depeche Mode, dann das Album von Beth Gibbons, das sich stark auf den Tod bezieht, und „The Mountain“ von den Gorillaz, das den Tod vor allem durch eine fernöstliche Linse betrachtet. Ich habe mich gefragt, ob ich diesen Krebs irgendwie in mein Leben eingeladen habe.