„Jahre ohne Sprache“ von Ann Esswein
Gerade weil die tastende Sprache von Ann Esswein zunächst fast naiv daherkommt, trifft einen ihr Roman „Jahre ohne Sprache“ wie ein Schlag in den Magen.
„Jahre ohne Sprache“ von Ann Esswein ist unsere Buchempfehlung der Woche
Nao erinnert sich nicht mehr an die, die sie einmal war. Ihren alten Namen hat Natascha samt ihres Heimatortes hinter sich gelassen und lebt nun gemeinsam mit einer postkapitalistischen Aussteiger-Gruppe in einer besetzten Knopffabrik. Für Nao ist diese Utopie gleichzeitig Zuflucht vor einem Jugendtrauma. Eines, für das ihr bis heute die Sprache fehlt. „Affäre“ nennt es Luki, bester Freund aus Kindheitstagen, heute ITler mit Bandscheibenproblemen und für Nao mittlerweile wie ein Fremder. Als sich die beiden etwa bei der Hälfte dieses so harten Romans und nach Jahren des Schweigens wieder sehen, wissen wir längst, was damals in der von Wodka Grapefruit vernebelten Nacht passiert ist: eine Vergewaltigung. Wobei eine Vergewaltigung ja eben nicht einfach „passiert“.
Und um genau jene Feinheiten weiß auch Ann Esswein. Zumal dieses „passiert“ eine zentrale Figur aus der Verantwortung nimmt: den Täter. Diesen lernen wir beim Lesen bloß als „die Hand“ kennen. „Die Hand lag auf meinem nackten Oberschenkel wie ein Fisch, nass und schwer. Die Hand, die lauerte“, beginnt Esswein ihren Roman. Obwohl, oder gerade weil Essweins tastende Sprache zunächst fast naiv daherkommt, trifft einen dieser Text wie ein Schlag in den Magen. Mit Naos Ringen um Sprache entwickelt die Autorin ein Ohnmachtsgefühl, aus dem es im Folgenden auszubrechen gilt: Erinnerungsfetzen setzen sich zusammen, die Sprache beginnt, die Wirklichkeit zu formen, und Wut mischt sich unter die Scham. Gründe zum Wütendsein finden sich neben der sich völlig falsch verteilten Scham nunmal zu Genüge. Da wäre das Schweigen, das Weggucken, das Verharmlosen – also ein System, das Täter schützt.
Hat es Ann Esswein mit „Jahre ohne Sprache“ auf unsere Liste der besten Bücher im Februar 2026 geschafft?