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Lucy Dacus: Kreative Energie

Lucy Dacus lässt sich für „Home Video“ von ihrer Jugendzeit inspirieren und zapft dabei nicht nur die erste Liebe an, sondern auch extreme Gewaltfantasien.

Lucy Dacus veröffentlicht ihr neues Album „Home Video“
Foto: Ebru Yildiz

Lucy Dacus, dein drittes Album besteht aus sehr persönlichen Songs über deine Coming-of-Age-Jahre in Richmond, Virginia. Warum diese Rückkehr in die Vergangenheit?

Lucy Dacus: Während der langen Zeit auf Tour habe ich meine Heimatstadt vermisst. Natürlich hat sich diese Sehnsucht dann nicht erfüllt, als ich 2019 zurückgekehrt bin: Einerseits war mir alles viel zu bekannt und emotional besetzt, andererseits hatten die Stadt und ich uns unabhängig voneinander verändert. Ich bin generell eher ein nostalgischer Mensch.

Ist eine zu starke Fokussierung auf die Vergangenheit nicht gefährlich?

Lucy Dacus: Es ist eine Gefahr, in ihr hängenzubleiben. Aber ich will aus der Vergangenheit lernen, und um voranzukommen, muss ich oft erst zurückgehen.

In der Rückschau glorifiziert man gern die Intensität, mit der das jugendliche Ich gefühlt hat, und relativiert damit, wie schrecklich sich damals etwa Liebeskummer angefühlt hat.

Lucy Dacus: Gerade weil ich mich an diesen Schmerz noch so gut erinnern kann, ist es eher eine Ermutigung, dass die Intensität mit den Jahren abgenommen hat. (lacht) Gleichzeitig ist es mir auch heute extrem wichtig, mich nicht komplett von peinlichen Momenten und dem Gefühl der Verlegenheit zu schützen.

Nutzt du diese peinlichen Momente, um kreativ zu sein?

Lucy Dacus: Ich wertschätze Situationen, in denen ich mich dumm fühle. Sie stacheln meinen Ehrgeiz an. Auf mich wirken auch Menschen anziehend, die den Eindruck vermitteln, sie wüssten alles – und dass das mitunter gefährlich sein kann, war auch ein wichtiger Lernprozess. Was ist, wenn es in einer Beziehung nicht darum geht, aneinander zu wachsen, sondern ich auf Menschen treffe, für die ich vor allem deshalb interessant bin, weil ich mich in ihrer Gegenwart dumm fühle, und die nicht wollen, dass sich das verändert?

Viele deiner Kolleg*innen hätten die Erinnerungen von „Home Video“ nicht in der Ich-Form erzählt, sondern fiktionale Szenerien als Schutzschild entworfen.

Lucy Dacus: Vermutlich tut es weniger weh, wenn man sich über Fiktion ausdrückt. Aber mir geht es gerade bei dem neuen Album nicht so sehr darum, Musik oder Kunst zu machen. Ich wollte mit mir selber in einen Dialog kommen – und daraus hat sich dann die Musik ergeben.

Hat das Mut gekostet?

Lucy Dacus: Ich fühle mich nicht tapfer, sondern es geht gerade noch so okay, die Hörer*innen so nah an mich ranzulassen. Natürlich mache ich mir schon Gedanken, wie es bei Menschen aus meinem Umfeld ankommt, wenn sie sich in den Songs wiedererkennen.

Konntest du mit bestimmten Ereignissen aus der Vergangenheit deinen Frieden schließen?

Lucy Dacus: Manchmal schon. Aber das ist ja das Klischee: Du lässt Dinge raus und bringst sie so für dich zum Abschluss. Spannender und womöglich auch ergiebiger ist es, wenn ein Song neue Wunden aufreißt. Erst im Nachhinein wird dir klar, wie lange du eine bestimmte Erfahrung mit dir rumschleppst.

Betrifft das auch dein Aggressionspotenzial? In dem Song „Thumbs“ berichtest du von einem gemeinsamen Barabend mit einer Freundin und deren Vater, und da sind diese Gewaltfantasien, um die Freundin zu beschützen und zu rächen: „I imagine my thumbs on the irises/pressing in/until they burst“.

Lucy Dacus: Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich solche Gedanken hatte. Für mich war Gewalt nie eine Lösung, und ich hatte mich bis dahin ganz klar als Pazifistin definiert. Natürlich habe ich ihn auch nicht verletzt, aber dieses Gefühl jetzt im Nachhinein in dem Song zuzulassen, hat sich richtig angefühlt. Wenn du Wut unterdrückst, richtet sie sich irgendwann gegen dich selbst. Ein Song ist eine gute Kanalisation, und für mich war es das erste Mal, dass ich Wut als kreative Energie genutzt habe.

Mehrere Songs thematisieren das Aufwachsen in einem religiösen Umfeld und die Konflikte, die sich für dich als queerer Mensch daraus ergeben haben. Diese Stücke stellen eine Befreiung dar – und gleichzeitig auch ein Vermissen.

Lucy Dacus: Es ist wirklich eine Befreiung – und trotzdem ist da ein Loch in mir. Ich vermisse das Gemeinschaftsgefühl, die regelmäßigen Zusammenkünfte und die abstrakten Gespräche über die Existenz. Das ist wohl auch der Grund, warum ich heute manchmal Karten lege. Auch da bin ich auf Distanz und nehme das nicht so wirklich ernst, aber ich nutze es für eine intensivere Beschäftigung mit mir selbst und den Austausch mit anderen.

Bei „Please stay“ und „Going going gone“ sind wieder Phoebe Bridgers und Julien Baker dabei, mit denen du ja auch als Boygenius gemeinsame Sache machst.

Lucy Dacus: Wir alle arbeiten mit vielen unterschiedlichen Musiker*innen zusammen, aber die Freundschaft zu den beiden ist etwas ganz Besonderes. Sie haben meinen Sound in den vergangenen Jahren geprägt, und ganz besonders das gemeinsame Lachen hinterlässt Spuren. Julien und Phoebe machen extrem traurige Musik, doch es ist vor allem ihr Humor, den ich auch in den dunkelsten Momenten von „Home Video“ wiederfinde.

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