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No Money Mo Problems

Design ohne Titel (5)

Sie ist die wohl wichtigste Rap-Journalistin Deutschlands. Mit „Das können wir uns nicht leisten“ legt Miriam Davoudvandi nun ein klassenkämpferisches Memoire vor. Eine Entmythologisierung des Aufstiegs.

Vom Bordstein bis zur Skyline. Vom Tellerwäscher zum Millionär. From rags to riches – die Kulturindustrie liebt Aufstiegsgeschichten. Und die Biografie von Miriam Davoudvandi liest sich wie eine. Im Alter von sechs Jahren folgt sie ihrem iranischen Vater und ihren zwei Halbbrüdern und emigriert mit ihrer rumänischen Mutter aus Bukarest ins beschauliche Bad Säckingen an der Grenze zur Schweiz. Sie wird Klassenbeste, macht Abitur, studiert, wird erfolgreiche Journalistin, DJ und Podcasterin und nun eben: Buchautorin. „Das können wir uns nicht leisten“ heißt Davoudvandis erstes – ja, was eigentlich? Sachbuch? Memoire? Letzteres ließe eine Nabelschau vermuten, von der dieser unheroische Text nicht weiter entfernt sein könnte. Nennen wir es also Klassenliteratur. Schließlich heißt es an zentraler Stelle: „Eine gute Psyche für alle schaffen wir nicht mit Achtsamkeitskursen, sondern mit Klassenkampf.“ Punkt. Unaufgeregt sachlich ist dieses dennoch niederschmetternde Buch, das eine oft zur Worthülse verkommene Wahrheit zur Methode macht: Das Private ist politisch. Sucht und findet die 34-Jährige doch immer wieder das Große im Kleinen.

„Das können wir uns nicht leisten“ von Miriam Davoudvandi: Out now!

Eingeleitet von Rap-Zitaten erzählen die mit „Armut und …“ überschriebenen Kapitel aus dem Leben der Autorin und davon, „was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein“, so auch der treffende Untertitel dieses Buches. Denn was Armut bedeutet, buchstabiert Davoudvandi umfassend aus. Etwa nicht am sozialen und öffentlichen Leben teilnehmen zu können, andauernd allerhand Scham zu empfinden und mit verheerenden physischen und psychischen Früher- oder Spätfolgen leben zu müssen. Kurzum: Dauerstress. Mit beispielhaften Beobachtungen und belastbaren Zahlen sorgt Davoudvandi für Sichtbarkeit struktureller ökonomischer Ungleichheit – eine immer noch unterrepräsentierte Diskriminierungsdimension. So macht sie nach soziologischem Vorbild feine Unterschiede und Codes aus, wie etwa den sich durch den Kontostand konstituierenden Unterschied zwischen einem Messie und einem Sammler oder zwischen dem Begriff broke, der sich bloß auf einen temporären Zustand bezieht, und reeller Armut.

Gewidmet ihren Eltern, denen Davoudvandi oft beste Freundin, Dolmetscherin und Therapeutin gleichzeitig gewesen ist, erzählt dieses Debüt eben keine Aufstiegsgeschichte, sondern von einem System, das Armut billigt, und von den Anstrengungen und Kosten, die der Kampf dagegen fordert. Es bricht einem fast das Herz, wenn die heute in Berlin lebende Autorin davon berichtet, wie sie sich bereits als Kind schämte, Freund:innen in ihre enge und laute Wohnung einzuladen, wie ihre Klassenlehrerin sie trotz herausragender Noten nicht aufs Gymnasium schicken wollte, wie ihre Mutter, die eigentlich ausgebildete Krankenschwester ist, bei ihrem Job als Putzkraft in einer Schule heimlich die Bücher aus dem Regal liest, wie sie lange die Jobs ihrer Eltern verheimlichte und wie all das zu Survivor-Syndrom und Depressionen geführt hat.

Für alle in Victory-Schuhen

Dabei dürfte Davoudvandi eigentlich keine Herzen brechen wollen. „Das können wir uns nicht leisten“ ist nun mal kein Elends-Porno, keine sentimentale Armuts-Schau für Mittelstands-Kids. Mit ihrem Schreiben gesellt sich Davoudvandi in die Riege einiger neuer deutschsprachiger klassenkämpferischer Autor:innen wie etwa Olivier David oder Marco Ott. Am Ende steht die Erkenntnis, dass die viel beschworene Spaltung unserer Gesellschaft womöglich gar nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen oben und unten verläuft. Und dass wir alle der Obdachlosigkeit viel näher sind als der Luxusyacht – auch, wenn es sich oft nicht so anfühlt. Und so ist dieses Buch in erster Linie für alle, die in Victory-Schuhen statt Nikes herumgelaufen sind, aber eben auch für all diejenigen, die sich fälschlicherweise immer eher zu den Wohlhabenderen zählen, sich nach unten abgrenzen und damit oft ihren eigenen Interessen und einer Mobilisierung der ausgebeuteten Masse im Wege stehen.

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