Phoebe Bridgers betreibt Operation am eigenen Herzen
Sechs lange Jahre hat uns Phoebe Bridgers warten lassen. Doch das geht okay, denkt man an all die Gefühlsorkane, die sie auf ihrem herzzerreißenden Album „Lost Weekend“ verarbeitet.
Sie ist jetzt 31, im August gar 32, da kann man schon mal die Faxen dicke haben, was diese Männer angeht, die sich immer noch wie Jungs aufführen und das auch noch großartig finden. „Lost boys never grow up, never get old“, echauffiert sich Phoebe Bridgers also im Refrain ihrer neuen Single „Lost Boys“ über den aus ihrer Sicht unzureichenden emotionalen Reifegrad gewisser Herren in ihrem Leben, Namen werden keine genannt. Man bezeichnet diesen Zustand auch als „Peter Pan Syndrom“, zu den Begleiterscheinungen dieser Geisteshaltung gehört das Wegducken vor jeglichen Verantwortlichkeiten des Erwachsenenlebens, allerdings endet der Song mit den Worten „Lost boys, come find me, yeah“, was darauf hindeuten könnte, dass Phoebe gelegentlichen Abenteuern mit der Spezies Mannkind nach wie vor nicht immer ganz abgeneigt ist.
Damals in Berlin…
So wie jener Aufregermoment „that one time in East Berlin“, den sie im Lied erwähnt, wo ihr männlicher Begleiter ausgeflippt sei, mit einer Pistole hantiert und sich eine Rippe gebrochen habe. Nicht ausgeschlossen, dass es sich bei erwähnter Person um Phoebes jüngeren Bruder Jackson handelt. Zumindest hat sie vor ein paar Jahren kichernd folgenden Ost-Berlin-Schwank im Interview erzählt: „Ich liebe Berlin, und ich war auch schon mal im Berghain, wo ich unverschämt viel Spaß gehabt habe. Mein Bruder war auch mit – und dann war er plötzlich weg. Stundenlang war der Junge einfach verschwunden, bis er dann irgendwann genauso plötzlich wieder aufgetaucht ist.“ Auf Nachfrage, was denn genau geschehen sei, schüttelte die im kalifornischen Pasadena geborene Bridgers lachend den Kopf. „Wir haben beschlossen, dass wir nie wieder miteinander oder gar mit anderen über die Einzelheiten dieser Nacht sprechen werden.“ Oder ist „Lost Boys“ dann doch vor allem ein Antikriegslied? Zu den schönen Nebeneffekten ihrer Songwriterinnen-Kunst gehört eben auch, dass man stundenlang fröhlich spekulieren kann, was für eine Geschichte sie einem da gerade wieder auftischt.
Operation am eigenen offenen Herzen
Und das ist ja noch nicht alles. Zum einen zeichnet „Lost Boys“ eine so überwältigende melodische Finesse aus, dass man den Song nur ein, zwei Mal hören muss, um ihn für immer verinnerlicht zu haben. Phoebe hat ihn zusammen mit Jack Antonoff, Tony Berg, Ethan Gruska und Alex G produziert, allesamt sind sie Meister himmlischer Harmonien. Und auch die Zeile „This machine is killing me“ hat eine zentrale Bewandtnis, denn Phoebe Bridgers befindet sich auf dem Kriegspfad gegen die Zeitgeistseuche der Konzerterlebnisse versauenden Menschen mit Mobiltelefonen. Neulich spielte sie eine kleine Tour, die in einem – natürlich ad hoc ausverkauften – Auftritt im New Yorker Madison Square Garden gipfelte und bei der das Publikum gezwungen war, die Handys in Stofftäschchen wegzuschließen. Zum ersten Mal seit ungefähr zwanzig Jahren haben die Leute wieder Feuerzeuge in die Luft gehalten. Auch Phoebes kommende Tour soll eine telefonfreie Erfahrung werden.
Phoebe Bridgers operiert auf ihrem dritten Soloalbum am eigenen offenen Herzen. „Lost Weekend“, benannt nach der anderthalbjährigen Phase, die John Lennon Mitte der 70er-Jahre nach der Trennung von Yoko Ono durchlitten hat, ist ein ungeheuer gefangennehmendes Album. Phoebe hat Ende 2022 ihren Vater Tony verloren, zu dem sie ein kompliziertes Verhältnis hatte. Den Verlust arbeitet sie in tiefberührenden Songs wie „Still standing“ auf, in dem alle nur scheinbar widersprüchlichen Gefühle von Trauer bis Wut zusammenzufließen scheinen. Auch gesanglich wagt Phoebe merklich mehr als früher: Sie wird auch hier und da mal laut, in „As above“ schreit sie plötzlich fast wie Björk, dennoch überwiegt die ruhige Intensität von Liedern wie „The Gouvernor’s Waltz“ oder dem mit Country-Einflüssen durchsetzten „Haunted“.
Großes Comeback
„Das Album ist ganz anders geworden, als ich es mir anfangs vorgestellt hatte“, sagt Bridgers selbst. Mit der Zeit habe die Platte ihr Gesicht verändert – zu Bridgers eigener Überraschung. „Manche Teile dieses Albums, die ich jetzt als Herzstücke bezeichne, haben sich erst nach langer Zeit abgezeichnet.“ Ein Stück wie „Bobby“ etwa, extrovertiert und kernig, das sie zu Ehren ihres Seit-einigen-Jahren-Lebenspartners, dem US-Comedian Bo Burnham, geschrieben hat. Oder „Kill me“, auf dem sie so sinnlich singt, dass man vier Minuten und 42 Sekunden am liebsten die Luft anhalten würde.
Kurzum: Es ist ein Segen, dass sie wieder da ist. Seit ihrer zweiten und unisono in Liebe und Zuspruch gehüllten Platte „Punisher“ sind satte sechs Jahre vergangen, seit dem Debüt „Stranger in the Alps“ nun schon neun. Zwischenzeitlich hat sich Bridgers auf ihr Schaffen mit dem Trio boygenius fokussiert – im Verbund mit den Kolleginnen Lucy Dacus und Julien Baker ist 2023 das Album „The Record“ entstanden, für das sie 2024 drei Grammys bekommen haben. Und nicht nur das, auch „Ghost in the Machine“, Bridgers Kollaboration mit SZA, ist da ausgezeichnet worden. Sie ist eine Weile mit Taylor Swift getourt und spielt längst in einer Liga, in die Indie-Folk-Pop-Singer/Songwriterinnen nicht sehr häufig vordringen. Wer es ihr richtig dick aufs Brot schmieren möchte, könnte sie als die Joni Mitchell oder die Joan Baez ihrer Generation bezeichnen. Mit letzterer teilt sie auch ein dezidiert politisches Engagement, das sich etwa gegen die Beschränkung von Abtreibungsrechten oder die gewaltsamen Umtriebe der Einwanderungsmiliz ICE richtet.