MUSIK

Robert Plant und Alison Kraus: Streifzug durch die Musikgeschichte

Portraitfoto Robert Plant und Alison Krauss
Foto: Frank Melfi

Auf die Frage, was er im Lockdown so getrieben hat, antwortet Robert Plant gegenüber Steve Wright vom britischen Radiosender BBC Radio 2 mit einem Schmunzeln: „Ich habe all meine vielen Projekte in Scheunen und Zimmern aufgereiht. Dann bin an ihnen vorübergegangen und habe mir gedacht: Gott, das ist jetzt schon zehn Jahre her … Chronologisch weiß ich jetzt also ziemlich genau, was im Januar 1968 passiert ist.“ Natürlich: Wenn irgendjemandes musikalische Karriere es nötig hat, auf diese Art und Weise chronologisiert zu werden, dann ist es die von Led-Zeppelin-Frontmann Robert Plant. Doch mindestens genauso wichtig sind seine musikalischen Errungenschaften seit dem vorzeitigen Ende von Led Zeppelin durch den Tod von Schlagzeuger John Bonham. Allen voran das erstaunlich maßvolle, späte Opus „Raising Sand“, das Plant 2007 mit der Bluegrass- und Countryikone Alison Krauss aufgenommen hat.

Vielleicht ist Plants Werkschau in der Scheune der ausschlaggebende Faktor gewesen, dass Krauss und er sich nach nun 14 Jahren für einen Nachfolger erneut zusammengetan haben. Denn geplant war ein zweites Album eigentlich schon immer. Zunächst sind Plant und Krauss nach dem Erfolg von „Raising Sand“ getrennte Wege gegangen: Er hat kurz darauf eine neue Backing Band gegründet, mit der er 2010 das Album „Band of Joy“ auf die Bühne gebracht hat, während sie mit der Band Union Station auf Tour gegangen ist. Doch die beiden sind über all die Jahre in Kontakt geblieben. Am Telefon haben sie sich unterschiedliche Songs vorgespielt und sich über deren Potenzial für ein zweites Coveralbum à la „Raising Sand“ ausgetauscht.

Robert Plant und Alison Krauss sind als ungleiches Duo eine Ausnahmeerscheinung

Tatsächlich stellt der nun erscheinende Nachfolger „Raise the Roof“ unmissverständlich klar, dass auch nach 14 Jahren nichts von der Chemie zwischen Krauss und Plant verlorengegangen ist. Nicht trotz, sondern gerade weil die beiden aus radikal unterschiedlichen Zeiten kommen und von verschiedenen Einflüssen geprägt sind, ist ihr Streifzug durch die Musikgeschichte so einzigartig. Dem Led-Zeppelin-Frontmann war es besonders wichtig, die Deep Cuts der englischen Folktradition wie etwa Bert Jansch und Anne Briggs zu erkunden. Alison Krauss benennt indes den ominösen Latinfolk-Rock von Calexico („Quattro (World drifts in)“) als den Track, der ihr bewusst gemacht hat, dass die Zeit für ein zweites Album gekommen war. Das Ergebnis lässt sich mit Fug und Recht als Trip bezeichnen: Wenn Alison Krauss und Robert Plant etwa „Can’t let go“ des US-Songwriters Randy Weeks zu einem psychedelischen, zwielichtigen Surfrock-Track mutieren lassen, ist das ein Mikrokosmos der Unvorhersehbarkeit, die dieses ungleiche Duo zu solch einer Ausnahmeerscheinung macht.

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