„Schleifen“ von Elias Hirschl
Gelingt Elias Hirschl mit „Schleifen“ jetzt endlich mal ein Roman, der absurder ist als unsere Gegenwart?
Da veröffentlicht Elias Hirschl im Jahr 2021 einen Schlüsselroman über rechtskonservative Slim-Fit-Politiker à la Sebastian Kurz und Philipp Amthor und steigert das Grauen mit Anleihen bei „American Psycho“ – doch dann muss „Salonfähig“ neben den Chatverläufen der ÖVP bestehen. Auch „Content“, seine Romansatire über die Generation ChatGPT mit den absurdesten Listicles und aufgeschnittenen Pulsadern, wird nach dem Erscheinen vor zwei Jahren leider viel zu schnell von der Realität überholt. Also rüstet der 32-jährige Wiener jetzt auf: „Schleifen“ setzt nicht nur als quasihistorischer Roman vor etwa 100 Jahren ein, sondern er gönnt sich auch eine sehr spezielle Hauptfigur. Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. Schnell hat sie Cholera, Pest und Lepra durch. Sie leidet, bekommt Pestbeulen, und Hautfetzen lösen sich von ihrem Arm, aber sie stirbt nicht, denn echte Bakterien oder Viren sind ja nicht im Spiel.
Mithilfe des Mathematikers Otto Mandl gelingt es ihr später, sich mit Wörtern aus toten Sprachen gegen ihr Leiden zu immunisieren. Doch die beiden haben in ihrer Sprachbesessenheit noch lange nicht genug: Sie träumen von einer nonverbalen Welt und wollen eine dynamische, lebendige Plansprache entwickeln, die die Sprache selbst abschafft. Hier kippt der Roman völlig aus Raum und Zeit, Hirschl mischt real existierende Studien mit surrealen, aber stets entlarvenden Erfindungen – und vor der Realität sollte er mit diesem erkenntnissatten, grandios grotesken und bis in die Fußnoten fordernden Roman nun wirklich sicher sein. Wobei: Hat Donald Trump nicht schon Punkt 7 aus Franziska Denks Nonverbalem Programm umgesetzt? „Auslöschung der Vergangenheit und Erschaffung einer Anything-goes-Geschichts- und Gegenwartsschreibung, in der faktische und kontrafaktische Ereignisse nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.“
Mit „Schleifen“ hat es Elias Hirschl auf unsere Liste der besten Bücher im Februar 2026 geschafft.