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Literatur

Sechs essenzielle Klassiker von Schriftstellerinnen

Heute wird der Buchmarkt, zumindest quantitativ, von Frauen dominiert, aber der Großteil der Klassiker stammt nach wie vor von männlichen Autoren. Umso wichtiger ist es, sich bewusst nach Klassikern von Autorinnen umzuschauen.

Klassiker Autorinnen (1)

Tove Ditlevsen: Gesichter

Ditlevsen schrieb diesen autofiktionalen Roman im Jahr 1968 und beschreibt mit großer Sensibilität und Sprachgewandtheit das Leben der Protagonistin Lise, dreifache Mutter und Schriftstellerin, die in eine Ehe- und Schaffenskrise gerät und langsam psychotischen Wahnvorstellungen verfällt. Dabei vermischt sie Sprache und Inhalt auf eine so intensive und kunstvolle Art, dass einem als Lesendem das Wahnsinnigwerden gar nicht mehr so fern erscheint. Mit zärtlich-bildhaften Metaphern zeigt Tove, zu was Sprache fähig ist. In „Gesichter“ geht es um Wahrnehmung und wie diese einem scheinbar entgleiten kann, und es fragt nach den Grenzen zwischen Wahn und Normalität.

Sylvia Plath: Die Glasglocke

Die Metapher des Feigenbaums wird einfach nicht alt, gerade in der heutigen Zeit, in der die Welt nur so vor Möglichkeiten brummt. Der schmerzliche Prozess von Identitätsfindung und die anfängliche Überforderung bei der Selbstverwirklichung, all das verhandelt Sylvia Plath in ihrem autofiktionalen und einzigen Roman ganz direkt mit einer schimmernden, bildhaften Sprache, die jede noch so tragische Szene in einem poetischen Licht erscheinen lässt. Denn das ist der autofiktionale Roman vor allem auch: tragisch, denn er erzählt davon, wie eine junge Frau, die eigentlich voller Elan und Träume steckt, immer tiefer in die lähmenden Abgründe einer Depression hineinrutscht.

Françoise Sagan: Bonjour tristesse

Die sture, eigenwillige Cécile verbringt einen Sommer mit ihrem Vater und seiner neuen Freundin in einem Haus an der Côte d’Azur. In dieser flirrenden Hitze hängt die Teenagerin ihren hinterlistigen Gedanken nach und ist geplagt von einer grundlosen Melancholie. Das Magische ist, dass das Buch sich nicht wirklich durch die Handlung auszeichnet, sondern durch die zwischenmenschlichen Dynamiken und das Lebensgefühl einer gelangweilten, rebellischen, aber auch verletzlichen Teenagerin. Das Buch löste eine moralische Skandalwelle in dem konservativen Frankreich der 50er Jahre aus, zumal die Autorin erst 19 war.

Toni Morrison: Sehr blaue Augen

Das Debüt der Literaturnobelpreisträgerin erschien 1970 und schlug nachhaltig ein. Es geht um die von ihren Eltern vernachlässigte Pecola, die in einer Kleinstadt in Ohio lebt und sich nichts sehnlicher als blaue Augen wünscht, um endlich als attraktiv und liebeswert zu gelten. Es geht um internalisierten Selbsthass in einer weißen, rassistischen Welt. Auch die Lebensgeschichte von Pecolas Eltern erzählt Morrison, um aufzuzeigen, wie die strukturell bedingten intergenerationalen Traumata weitergegeben werden. Der Roman zeichnet sich durch seine anspruchsvolle Erzählstruktur und durch seine nicht belehrende, sondern implizite Kritik an rassistischen Strukturen aus und ist nach wie vor hochaktuell.

Marlen Haushofer: Die Wand

Die Wand ist ein moderner Klassiker, in dem das passiert, wovor sich der Mensch als soziales Wesen am allermeisten fürchtet: radikale Isolation. Eine junge Frau ist plötzlich in der Natur mit nichts als einem Jagdhaus und ein paar Tieren von einer unsichtbaren, undurchdringlichen Wand umschlossen. Es handelt sich um einen Bericht, den die Protagonistin schreibt, um bei Sinnen zu bleiben. Es geht um die Tätigkeiten der Selbstversorgung, was zunächst meditativ und im weiteren Verlauf fast beklemmend reduziert wirken kann, da sich die Routinen zunehmend wiederholen. Der Lesende ist gezwungen, einen ganz anderen Blickwinkel auf das Leben und die Gesellschaft einzunehmen und sich die Frage zu stellen, was von einem übrig bleiben würde, wenn alle Pfeiler der modernen Welt und Zivilisation wegfallen würden.

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

Für ihr Werk wurde die französische Schriftstellerin Annie Ernaux mit dem Literaturnobelpreis 2022 ausgezeichnet. Ernaux war eine feministische Vordenkerin und schrieb über weibliche Sozialisierung und Klasse. Mit ihrem typisch unpersönlichen und doch unglaublich präzisen Stil thematisiert sie die perfiden Mechanismen der Scham im Leben einer Frau. Ernaux stellt sich im Alter von 73 Jahren einem sexuellen Übergriff, der ihr als jungem Mädchen in einem Ferienlager widerfahren ist und für den sie sich ihr ganzes Leben geschämt hat. Fragmentarisch rekonstruiert sie ihre Erinnerungen rund um das traumatische Ereignis. Dabei leuchtet sie jedes noch so schmerzhafte Detail aus.

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