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Literatur

Geteiltes Haus von Alice Horáčkova

Alice Horáčkova folgt mit Geteiltes Haus dem Schicksal eines Dorfs im Riesengebirge durch ein halbes Jahrhundert. Ihr Roman lässt sich auch als Geschichtsbuch lesen.

Buchcover „Geteiltes Haus“ von Alice Horáčkova

Im Zentrum von allem steht der Ort Benetzko im Sudetenland, auf Tschechisch Benecko genannt. Das ist keine Haarspalterei, sondern ein Schlüssel zu Alice Horáčkovas Roman, an dessen Ende die Autorin alle erwähnten Städte und Dörfer zweisprachig listet. Denn „Geteiltes Haus“ handelt von einem Ort, der zwischen deutscher und tschechischer Identität zerrissen ist. Hier werden die Freundinnen Zdenka und Anežka noch unter der K.-u.-k.-Monarchie geboren, doch nach einem relativ geruhsamen Anfang wird ihr Leben von zwei Weltkriegen, drei Republiken und zahllosen politischen Wirren bestimmt sein – und von schlechten Entscheidungen. Beide Frauen heiraten einen Sohn der deutschen Familie Hollmann, doch während Zdenkas Mann Vinzenz als jähzorniger Soldat nach seinem Vater kommt, fällt der geschäftstüchtige Hans immer auf die Füße. Nazis werden später beide …

Horáčkova arbeitet mit breiten Pinselstrichen und kurzen, oft nur wenigen Seiten langen Kapiteln. Häufig vergehen Monate oder gar Jahre, bis wir einer Figur erneut begegnen. Für tiefenpsychologische Auseinandersetzungen bleibt da keine Zeit, stattdessen formt die Autorin die meisten Charaktere um einzelne, stark ausgeprägte Eigenschaften und wiederkehrende Motive. Als Familienroman erinnert „Geteiltes Haus“ damit weniger an Mann als an Márquez – nur ohne den magischen Realismus. Dafür mit jeder Menge historischem Realismus, denn als Vorbild diente Horáčkova die oft nur fragmentarisch erhaltene Geschichte ihrer eigenen Familie. Wenn „Geteiltes Haus“ überhaupt eine Hauptfigur hat, ist es kein Mensch, sondern Benetzko. Ein Ort, dessen deutscher Wikipedia-Artikel nur etwa 200 Wörter umfasst, dem Horáčkova jedoch fast 900 Seiten widmet, auch wenn spätere Kapitel ihre Figuren bis nach Prag verschlagen. Am Ende bleibt das Gefühl, das Dorf und seine Bewohner:innen wirklich zu kennen – zumindest so gut, wie man seine eigenen Urgroßeltern kennt.

„Eine Frau, weder jung noch alt, schrieb einen Brief. Schwer zu sagen, wann bei einer Frau das Alter beginnt, aber Anežka fühlte sich schon recht lange alt.“

(aus: „Geteiltes Haus“)

Mit „Geteiltes Haus“ hat es Alice Horáčkova auf unsere Liste der besten Bücher im Oktober 2026 geschafft.

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