Sieben Bücher über soziale Ungleichheit
Menschen, die in Armut leben, werden gesellschaftlich unsichtbar gemacht. Deshalb hier sieben Bücher, die wichtige Perspektiven auf Armut und Klasse bieten, die sensibilisieren und aufklären.

Die Erzählung der Chancengleichheit ist ein Luftschloss, das nur ein paar Menschen, die sich aus den Fängen ihrer Herkunft emporgekämpft haben, scheinbar bestätigen. Wir leben in einer Klassengesellschaft: Kulturelle als auch soziale Teilhabe ist ein Privileg, das mit der sozialökonomischen Stellung einhergeht. Viele dieser Autor:innen haben die psychischen und seelischen Folgen sozialer Ungleichheit selbst erlebt. Angesichts der politischen Entwicklungen braucht es mehr Empathie für unterschiedliche Lebensrealitäten und gerechtfertigte Unzufriedenheiten. Literatur ist ein zentrales Mittel, um einander zu verstehen, Transparenz und Sichtbarkeit für unterdrückte Perspektiven herzustellen. Auch wenn es unangenehm ist. Beziehungsweise: vor allem dann.
Elisabeth Pape: Halbe Portion
Elisabeth Pape betrachtet in ihrem autofiktionalen Roman soziale Ungleichheit aus der Linse des Essens: ein Lebensbereich, auf den sich Armut sehr stark auswirken kann. Sie zeigt das Zusammenspiel von Gesundheit, Ernährung und Klasse. Es geht um eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung und darum, wie selbstzerstörerische Verhaltensmuster, jeden Cent und jede Kalorie zwanghaft zu zählen, weitergegeben werden. Ein extrem intimer Einblick in die Psyche der Protagonistin, der nachhaltig und auch sehr schmerzhaft unter die Haut geht.
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Ein absoluter Klassiker, wenn es um soziale Ungleichheit und Aufstiegsbiografien geht. „Rückkehr nach Reims“ ist eine soziologische Reflexion, die sich genauso mitreißend liest wie ein guter Roman. Eribon macht seine Erfahrungen mit sozialer und homophober Gewalt nachvollziehbar und beschreibt eindringlich die nach wie vor andauernde Polarisierung zwischen der progressiv-liberalen Stadt- und der konservativ-rechten Landbevölkerung. Didier Eribon ist Soziologe und Philosoph und inspirierte mit seinem Werk auch den französischen Schriftsteller Édouard Louis.
Ruth-Maria Thomas: Zweitgrößte Liebe
Während die Bestsellerautorin Ruth-Maria Thomas sich in ihrem viel gefeierten Debüt „Die schönste Version“ ganz dem Thema der patriarchalen Gewalt in einer Liebesbeziehung widmet, nähert sie sich in ihrem neuen Roman „Die zweitgrößte Liebe“ einer anderen Form der Gewalt, die sich zwischen zwei Menschen drängt: der der sozialen Ungleichheit. Vollkommen nahbar und einnehmend erzählt Thomas die Geschichte von dem wohlhabenden Henry und der verschuldeteten und schichtarbeitenden Michelle, die einander lieben und die Kluft der sozialen Herkunft zu überwinden versuchen. Doch reicht Liebe, um diese Widerständen zu überwinden?
Katriona O’Sullivan: Working Class Girl
Diese Autobiografie aus Großbritannien hat eine niederschmetternde Kraft: eine Geschichte über die Bitterkeit weiblicher Armut, von der man sich nicht losreißen kann. Es geht um Suchterkrankung, sexuellen Missbrauch und die gnadenlose Scham, mit der das Aufwachsen in Armut einhergeht. Für Katriona O’Sullivan war das Zuhause gefährlich, während die Schule ein sicherer Fluchtpunkt war. Diese Biografie betont die essenzielle Kraft des Sozialsystems, das fatalerweise zunehmend Kürzungen erleidet. Der deutsche Titel „Working Class Girl“ ist sehr unpassend gewählt, da O’Sullivans Eltern arbeitslose Drogenabhängige waren.
Marlen Hobrack: Klassenbeste
Der Roman ist eine umfassende Kritik an den selbstgerechten Mythen von Chancengleichheit und sozialem Aufstieg, mit der sich die Mittelklasse gerne selbst beruhigt. Hobrack erzählt die Biografie ihrer in Ostdeutschland lebenden und hart arbeitenden Mutter und schreibt damit eine Klassenkritik aus weiblicher Perspektive. Sie selbst wird mit 19 Jahren Mutter, kämpft sich aus ihrer bildungsfernen Herkunft in die Höhen der Kulturbranche. In ihrem Buch verbindet sie eindrücklich harte soziologische Fakten mit einer ergreifenden Mutter-Tochter-Beziehung.
Leïla Slimani: Dann schlaf auch du
Eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, eine Pariser Altbauwohnung, ein erfolgreiches Ehepaar und zwei süße Kinder. Doch der Schein trügt: Dieses komplexe, thrillerartige Psychogramm zeigt, wo das Desinteresse von Mittelschicht-Eltern ihrer Kinderfrau gegenüber hinführt. Sie sind blind für die Herkunft und Lebensrealität der Nanny. Hauptsache, sie können Beruf und Familie vereinen. Und das endet bitter. Es geht um die Ignoranz, die Unsichtbarkeit prekärer Lebensverhältnisse und um die Gewalt innerhalb der französischen Klassengesellschaft. Damit ist der Roman eine schockierende sowie präzise Klassenkritik.
Tsitsi Dangarembga: Aufbrechen
Die vielfach ausgezeichnete Filmemacherin und Autorin schreibt in ihrem autobiografischen Roman über das Mädchen Tambu, das nicht traurig ist, als ihr Bruder stirbt. Denn der Verlust ihres Bruders bedeutet eine elementare Chance für sie. Sie kann seinen Platz in der Schule einnehmen. Damit entkommt sie den Klauen ihres patriarchalen Vaters und kommt ihrer Hoffnung auf Bildung und Freiheit ein Stück näher. Ein schonungslos intensiver Roman über die Gesellschaft in Simbabwe, über Klasse, Rassismus, Sexismus und die Kraft von Bildung und feministischer Emanzipation.
Literatur


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