„Sperrgut“ von Sophia Merwald
Gleich die erste Seite zeigt: In „Sperrgut“ von Sophia Merwald ist Zärtlichkeit radikal, Renitenz kindlich und die Freiheit ein zum Schneiden dickes Gut.
„Sperrgut“ von Sophia Merwald ist unsere Buchempfehlung der Woche
Für die Einsamen. Ihnen hat die Journalistin und Alfred-Döblin-Preisträgerin Sophia Merwald ihr Debüt „Sperrgut“ gewidmet – den Übergangenen, den Klarkommenden und den Zurückschlagenden. Sie alle sind willkommen bei Kristalloma: Eigenhändig baut die auf einer Industriebrache ein Haus namens Lusthansa. Es wird ein Zuhause für Frauen, die keines haben. Jahre später formt sich dort unter der Obhut von Kristalloma und ihrem Partner Bruno eine neue Gemeinschaft. Drei Generationen leben dann unter dem selbst gebauten Dach zusammen, teilen Paprikasuppe, schauen gemeinsam Astro-TV und passen aufeinander auf. Bis die nahe liegende Stadt mit einem Abrissbescheid vor der Tür steht und das Lusthansa um seine Existenz kämpfen muss …
Und gleich die erste Seite zeigt: Hier ist Zärtlichkeit radikal, ist Renitenz kindlich und die Freiheit ein zum Schneiden dickes Gut. Kristalloma hält als eine Art faltige Pippi Langstrumpf Haus und Bewohner:innen zusammen, ihr Partner Bruno steht als endlos viriler Grüßaugust eng an ihrer Seite. Das Ich, ausgerissen und nur bedingt stubenrein, dichtet dazwischen mit Schnodder. Kurz: Es ist eine skurrile und dabei überraschend realitätsnahe Welt, in der sich „Sperrgut“ abspielt; ein bisschen wie „Memoiren einer Schnecke“, bloß gedruckt.
Unorthodoxes Vokabular und neuwertige Bilder
Zudem sorgt Merwalds Verzicht auf jegliche Anführungszeichen, verbunden mit ihrem unorthodoxen Vokabular und den neuwertigen Bildern, in einigen Passagen für eine reizende Form von Unklarheit, wer da eigentlich gerade spricht. Wir fragen uns: Ist es eine Figur aus dem Ensemble oder doch ein all-lenkendes Überwesen, das sich in seiner Abgelöstheit herausnehmen kann, die gegebene Sprache nach Belieben zu biegen? Wessen feministischer Wut sehen wir beim Wirken zu? Und: Wann kommt mehr von Merwald?
Hat es Sophia Merwald mit „Sperrgut“ auf unsere Liste der besten Bücher im Februar 2026 geschafft?