„The Invite“: Ein flotter Vierer
In Olivia Wildes Sittenkomödie nimmt ein Pärchenarbend unter Nachbarn immer neue überraschende Wendungen. Steht am Ende die Scheidung – oder die Orgie?
Ein netter Abend mit den neuen Mietern von der Etage drüber, viel mehr soll es eigentlich nicht werden. Angela (Regisseurin Olivia Wilde) aber legt sich mächtig ins Zeug, kleidet sich neu ein. Zu Ehren der spanischstämmigen Pina besorgt sie eigens Schinken aus deren Heimat. Angelas Mann Joe (Seth Rogen) passt das alles nicht. Hat er die Einladung tatsächlich vergessen? Oder wurde er schlicht überrumpelt? Absagen geht nicht mehr. In zehn Minuten werden die Nachbarn vor der Tür stehen. Zeit genug für den Zyniker Joe (Seth Rogen), um Dampf abzulassen. Der Frust über seinen ungeliebten Job als Musikdozent sitzt so fest im Gemüt, dass er seine Unzufriedenheit über das Leben im Allgemeinen und seine verpasste Musikerkarriere im Besonderen auf schlicht alles übertragt. Zehn Filmminuten, in hohem Tempo und bisweilen von enervierenden Streicherdissonanzen unterlegt, genügen, und den Zuschauer:innen ist klar: Diese Ehe hat ihre besten Tage hinter sich.
„The Invite“: Die einen öden, die anderen stöhnen
Das Motto aus der Feder Oscar Wildes, das dieser unromantischen Komödie vorangestellt ist, scheint den Kern dieses Beziehungsdesasters bestens zu treffen: „Man sollte immer verliebt sein. Das ist der Grund, warum man nicht heiraten sollte.“ Wie anders sind da doch Pina und Hawk. Sie (Penélope Cruz) eine charmante und selbstbewusste Therapeutin, er (Edward Norton ein in sich ruhender Ex-Feuerwehrmann mit enormer Präsenz. Das attraktive, sichtlich harmonische und natürlich unverheiratete Paar vermag im Gegensatz zu Angela und Joe nicht nur offen seine Gefühle zu zeigen, sondern auch die sexuellen Wünsche in vollen Zügen auszuleben. Sehr zum Leidwesen von Joe, der sich von deren nächtlichen Gestöhne und den hörbaren Orgasmen ziemlich belästigt fühlt, zumal sein eigenes eheliches Sexleben praktisch nicht mehr existiert.
Sehr gut möglich, dass dem einen oder der anderen diese Grundkonstellation bereits bekannt vorkommt. Denn Olivia Wilde, die nicht nur als Schauspielerin, sondern nach der High School-Komödie „Booksmart“ und dem Thriller „Don’t worry, Darling“ auch wieder als Regisseurin agiert, hat sich für diesen Film bei einer spanischen Vorlage bedient: Von Cesc Gays‘ „Die Nachbarn von oben“ (2020) gibt es bereits vier weitere Neuverfilmungen. Wie in Gays Vorbildern – Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ – bleibt es auch hier nicht lange bei launigen Partyplaudereien. Zwischen den ungleichen Paaren kommt es zu unerwarteter Verbundenheit, wechselnden Allianzen und ungeplanten Enthüllungen. Die scharfen Wortgefechte wechseln so natürlich mit peinlichen Pausen und verlegenem Schweigen, als seien die Dialoge improvisiert. Doch selbst beiläufige Bemerkungen und Gesten vertiefen die Charaktere und enthüllen die mal mehr, mal weniger verborgenen Sehnsüchte.
Keinesfalls wie Oscar Wilde
Abgesehen von einer Eingangsszene in einem Konzertsaal spielt diese stilvoll ins Bild gesetzte Gesellschafts- und Beziehungskomödie vollständig in der luxuriösen Wohnung des Ehepaars Joe und Angela. Die Konstellationen ändern sich immer wieder, die einzelnen Räume mit ihren Spiegeln und Fenstern inszeniert Wilde filmisch, sie sind Rückzugsort, ermöglichen voyeuristische Blicke oder sind Symbol von Distanz und Nähe. Mal sitzt man ganz distinguiert am Esstisch, mal zieht man sich zum Kiffen in Joes Arbeitszimmer zurück oder es flirten Hawk und Angela auf dem Ehebett. Der Humor in „The Invite“ entspringt dabei nicht allzu offensichtlich formulierten Pointen – mit einer Oscar-Wilde-Komödie haben wir es hier also keineswegs zu tun. Regie und Drehbuch (Rashida Jones und Will McCormack) setzen vielmehr auf die Heimtücke eingefahrener Beziehungsmustern, kleiner, längst nicht mehr nur neckisch gemeinter Spitzen und einiger überraschenden Offenbarungen.
Je später der Abend (wir erleben ihn beinahe in Echtzeit), desto intimer und offenherziger werden die Gespräche. Die sexuelle Offen- und Experimentierfreudigkeit, die Hawk und Pina ganz unverkrampft zutage legen, lässt den Abend dann schließlich auf eine Art und Weise aus dem Ruder laufen, die keines der beiden Paare vorhersehen konnte.