MUSIK

„Jokers“ von Vincent Peirani: „Sind wir hier echt fertig?“

Experimentelles Gruppenfoto Vincent Peirani Trio
foto: Stanislas Augris

Vincent Peirani, hat das Akkordeon seinen Weg in den Progrock gefunden? Oder beharrst du darauf, dass „Jokers“ ein Jazzalbum ist?

Vincent Peirani: Das war schon eine etwas komische Situation. Nach den viertägigen Aufnahmen haben mich Federico und Ziv gefragt: Sind wir hier echt fertig? Hast du wirklich alles, was du brauchst? Ich habe bejaht, sie nach Hause geschickt und mit dem Produzieren begonnen. Als sie dann das Ergebnis gehört haben, meinten sie: What the Fuck! Das ist kein Jazzalbum, sondern Progrock! Ich selbst würde es so sagen: Es ist ein Mix aus allem Möglichen, ein kosmopolitisches Album.

Was war bei diesem Projekt die größere Herausforderung: den perkussiven Charakter des Akkordeons mit den Drums in Einklang zu bringen, oder sich mit dem Gitarristen die Solopassagen zu teilen?

Vincent Peirani: Beides war nicht ganz einfach. Aber die größte Herausforderung hat wohl in der Instrumentierung dieses Trios gelegen. Ein klassisches Jazz-Trio hat Drums, Bass und einen Solisten. Das ist genauso festgelegt wie die Instrumentierung eines klassischen Streichquartetts. Anfangs habe ich so meine Zweifel gehabt, ob das bei uns funktionieren würde. Aber es geht – und zwar sehr gut. Es ist eine Art hybride Besetzung: Der Drummer kann Bassparts spielen, der Gitarrist kann den Bass ersetzen, und ich kann es auch.

Was hat es mit dem Titel „Jokers“ auf sich?

Peirani: Das hat nichts mit Marvel-Comics zu tun, sondern mit Kartenspielen. Die Joker sind in vielen Kartenspielen wichtig, weil sie jede andere Karte ersetzen können. Und da sind wir wieder bei dem, was ich mit hybrider Besetzung meine: Alle können alles – wie die Joker. Darum ist der Bandname auch der Albumtitel.

Habt ihr in Triosessions aufgenommen oder Track für Track mit einzelnen Instrumenten?

Peirani: Wir haben bestimmte Passagen als Trio eingespielt, aber auch einzeln aufgenommen. Zum Beispiel habe ich gesagt: Federico, ich brauche acht Takte G-Dur, schön clean und langsam. Und jetzt brauche ich vier Takte G-Dur, schön aggressiv und verzerrt. Die beiden haben gar nicht so genau gewusst, was sie da eigentlich machen. Aber sie haben wohl vermutet, dass ich einen Plan habe.

Hast du alle Tracks für das Album ausgewählt?

Peirani: Ja, und ich habe es mir und den beiden anderen nicht gerade leicht gemacht. Wir haben ja durch zwei, drei Jahre gemeinsames Spielen ein Repertoire, und daraus hätten wir das Album generieren können. Aber ich wollte für die Albumproduktion neue Titel. Federico und Ziv haben mich zwar für verrückt erklärt, und es war sogar die Rede vom gemeinsamen Suizid. Aber das Experiment ist gelungen.

Kann man damit auch auf die Bühne gehen?

Peirani: Ja, da bin ich mir ziemlich sicher. Die Studioproduktion hat uns so viel Sicherheit gegeben, dass wir das Material für die Bühne arrangieren können. Das ist eine weitere Herausforderung, weil wir natürlich nicht endlos Spuren übereinanderlegen können, sondern uns live auf den Kern der Stücke konzentrieren müssen. Aber, ohne angeben zu wollen: Ich bin zuversichtlich, dass wir das alles im Konzert gut rüberbringen werden.

War es das erste Mal, dass du als Musiker, Komponist, Arrangeur und Produzent gleichzeitig unterwegs gewesen bist?

Peirani: All das zusammen habe ich wirklich zum ersten Mal gemacht. Früher habe ich mich weniger um Produktion und Postproduktion gekümmert, sondern als Musiker abgeliefert – und das war’s dann. Durch die Pandemie habe ich aber Zeit gehabt, mich mit Studiotechnik zu befassen. So hat sich für mich eine völlig neue, faszinierende Welt aufgetan.

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