MUSIK

Von Hackbrettern, Akustik- und E-Gitarren: Die Alben der Woche

Die Alben der Woche stehen ganz im Zeichen der Gitarre – und ihrer Abwesenheit. Emma Ruth Rundle & Thou gehen auf „May our Chambers be full“ jenseits von vertrauten Sludge-Metal- und Post-Rock-Pfaden ihren gemeinsamen Wurzeln in Grunge, Posthardcore und 90er-Alternative-Rock nach. Wesentlich weniger hart – aber trotzdem bei Weitem kein Crowdpleaser – ist „Mann auf dem Seil“, das dritte Soloalbum von Jon Flemming Olsen. Den dürften die meisten als Frittenbudenbesitzer von „Dittsche“ kennen, doch ist Olsen auch schon seit Längerem als Singer/Songwriter unterwegs. „Mann auf dem Seil“ hat er komplett mit einem Streichquartett eingespielt, und doch bleibt seine Musik so kantig und eigenwillig, wie man es von ihm gewohnt ist.

Ebenfalls eigenwillig ist Botanist, das Black-Metal-Soloprojekt des Musikers Otrebor aus San Francisco. Jedwede Musiker, die er unter dem Moniker Botanist veröffentlicht, ist aus der Perspektive einer fiktiven Kunstfigur geschrieben, die sich The Botanist nennt. Die Musik, von Fans gerne als Green Metal bezeichnet, bewegt sich zwischen Black Metal, Shoegaze und Postrock. Doch ist sie dabei mit Hackbrett und Zither anstatt von Gitarren wesentlich zarter und sanfter, als es die abgründige Zukunftsvision einer Welt nach dem Untergang der Menschheit, nur von Pflanzen bevölkert, aufs Erste vermuten lässt. Die Alben der Woche:

Emma Ruth Rundle & Thou: May our Chambers be full

Emma Ruth Rundle & Thou May our Chambers be full AlbumcoverDass Postrock und Sludge Metal zusammengehen, leuchtet bei genauerer Überlegung durchaus ein: Beide Genres leben von maßvollen, wohlüberlegten Steigerungen, vom kontrollierten Exzess des Crescendos. Wenn sich nun die Postrock-meets-Folk-Göttin Emma Ruth Rundle und die Sludge-Metal-Szenelegenden Thou zusammentun, ist es allerdings schön, dass „May our Chambers be full“ über das Erwartbare hinausgeht. Denn anstatt einfach Postrock mit härteren Gitarren zu spielen, erkunden Rundle und Thou ihre gemeinsamen Wurzeln: Grunge, 90er-Posthardcore und Alternative Rock.

Das ist natürlich immer noch heavy und fuzzy, aber erfrischend geradeheraus. Die Musiker*innen arbeiten sich hier nicht lediglich an einem bekannten Stil ab, vielmehr entwickeln Rundle und Thou den Alternative Sound der 90er zu einer ganz eigenen Klangästhetik: Mit den tonnenschweren Sludge-Riffs und dem Zusammenspiel zwischen Rundles erhabenem Gesang und Bryan Funcks Black-Metal-Knurren wäre „May our Chambers be full“ in den 90ern für jeden Soundgarden-Fan lebensverändernd gewesen. Im Jahr 2020 ist die Offenbarung dagegen, wie eigenständig dieser abgegriffen geglaubte Sound auf einmal zu klingen vermag.

Botanist: Photosynthesis

Botanist Photosynthesis AlbumcoverBotanist ist das Projekt des Musikers Otrebor aus San Francisco, und sein Name macht schon hinreichend deutlich, dass Otrebor ein Metalnerd der Güteklasse A ist. Und jetzt bitte nicht lachen: Wenn er Musik als Botanist aufnimmt, sagt er, kanalisiere er ein Kunstfigur names Botanist sowie dessen romantisierte Vorstellung einer Zukunft, in der die Menschheit sich selbst zugrunde gerichtet hat und die Pflanzen die Welt zurückerobern. Natürlich äußert sich das in Black Metal, wo der Waldfetischismus immer schon seltsame Knospen getrieben hat: also „Light“, „Water“, „Chlorophyll“, „Oxygen“.

Doch als ob das hardcore alberne Konzept nicht genug wäre, spielen Botanist ihren Black Metal nicht mit der Gitarre, sondern mit dem Hackbrett. Und da liegt der Clou: Das ist wirklich richtig schön. Es ist wohl das beste Kompliment für Otrebors Projekt, dass seine Musik nicht das latent ökofaschistische, menschenverachtende Gekeife ist, das man angesichts dieser Beschreibung erwarten würde. Stattdessen ist „Photosynthesis“ verletzlicher, dynamischer und zarter noch als etwa die Postmetal-Posterboys Deafheaven es je gewesen sind.

Jon Flemming Olsen: Mann auf dem Seil

Jon Flemming Olsen Mann auf dem Seil AlbumcoverFluch oder Segen? Bei weitem die meisten Menschen dürften Jon Flemming Olsen als jenen Eppendorfer Frittenbäcker kennen, der Dittsche die Bierflaschen öffnet und versucht, Ordnung ins Gedankenchaos des verpeilten Bademantelträgers zu bringen. Texas Lighting eventuell noch, aber das war’s dann auch. Umso erstaunlicher, dass dieser Jon Flemming Olsen jetzt bereits sein drittes Soloalbum raushaut und dabei keine Sekunde lang auf Crowdpleaser macht.

Das größte Wagnis von „Mann auf dem Seil“: Das Album ist komplett mit einem Streichquartett eingespielt. Muss man sich erstmal trauen. Die Texte sind so kantig wie der Typ, ladadida ist nicht seine Sache. Eher darf es schon mal abwegig zugehen in Jon Flemming Olsens berührenden Geschichten über Liebe, Verlust, Lebenslust und Frust – das Private wird politisch und umgekehrt. Ma sagen: Das perlt.