MUSIK

Weiter und immer weiter: Die Pop-Alben der Woche

Die Alben der Woche feiern diesmal die Ausdauer und den künstlerischen Drang. Der Chillwave Pionier Ernest Greene von Washed Out legt mit seinem vierten Studioalbum keinen radikalen Neuentwurf seines Sounds vor, bessert dafür aber sein Songwriting aus. So lohnt „Purple Noon“ auch  ganz ohne ausgestellte Richtungswechsel – manchmal braucht es eben nicht mehr.

Das Quartett aus Oxford Glass Animals müssen dagegen eine ganz andere Form der Ausdauer beweisen: Nach einem schweren Fahrradunfall von Schlagzeuger Joe Seaward war die Zukunft der Glass Animals lange Zeit ungewiss. Nun melden sie sich mit „Dreamland“ nach zwei Jahren zurück – und nach der Pandemie stehen die Chancen nicht schlecht, dass Seaward ans Drumkit zurückkehren kann.

Mit großer Ausdauer verfolgt auch die australische Rapperin Tkay Maidza ihrer ganz eigene künstlerische Vision: Mit dem zweiten – und bisher besten – Teil ihrer angekündigten Mixtape-Trilogie „Last Year was weird“ könnte es ihr gelingen, Australien im Alleingang im internationalen Rap-Business zu positionieren.

Jason Molina ist dagegen zwischen 2006 und 2007 im Zuge einer persönlichen Krise und eines Umzugs nach London für eine reduzierte Songwriter-Platte von seinen Bandprojekten Songs: Ohia und Magnolia Electric Co. zurückgetreten. Nun erscheint „Eight Gates“ posthum – und gelingt auch ohne jegliche Bindung mit Molinas Werk oder seiner tragischen Geschichte; einfach durch das Songwriting.

Evan Patterson hat die bisher seltsamste Platte seines Soloprojekts Jaye Jayle on the road mit dem iPhone aufgenommen. Die so entstandenen Songskizzen hat der US-Amerikaner mit Ben Chisholm zu einer stilistischen Tour de Force gebündelt, die jederzeit Gefahr läuft, zwischen Beklemmung und Tanzfieber in seine Einzelteile zu zerfallen – und es doch nie tut. Es ist wohl der Vorwärtstrieb, der auch diese Platte gelingen lässt. Unsere Alben der Woche:

Washed Out: Purple Noon

Washed Out Purple Noon AlbumcoverErnest Greene macht weiter. Mit der EP „Life of Leisure“ und seinem Debüt „Within and without“ avancierte er vor gut zehn Jahren zum Pionier des Chillwave-Genres, doch seitdem hat der Produzent und Songwriter aus Atlanta nur noch an wenigen Stellschrauben gedreht. Album Nummer vier hört man durchaus an, dass er durch die Zusammenarbeit mit Musiker*innen wie Sudan Archives zuletzt auch mit R’n’B und zeitgemäßem Pop hantiert hat.

Nie zuvor hat Greene seinen Gesang so selbstbewusst ins Zentrum der Songs gerückt, doch die verwaschenen Sepiatöne und sein Hang zur 80er-Disco in Zeitlupe sind nach wie vor ebenso gesetzt. Sei’s drum, auch die einstigen Chillwave-Fans sind mit fortschreitendem Alter nicht mehr so sehr daran interessiert, jedes neue Trendgenre aufzuspüren. Zumal auch die kompositorischen Finessen von Songs wie „Too late“, „Paralysed“ und der Schmonzballade „Game of Chance“ durchaus rechtfertigen, dass Green weiter, immer weiter macht.

Tkay Maidza: Last Year was weird, Vol. 2

 

Tkay Maidza Last Year was weird, Vol.2 AlbumcoverTrotz Größen wie Sampa The Great hinkt Australien im internationalen Vergleich immer ein wenig hinterher, wenn es um HipHop geht. Vielleicht ist es kosmische Kompensation, dass das Land down under mit Tkay Maidza eine Künstlerin hervorgebracht hat, die das im Alleingang ändern könnte. Ihre Glaubwürdigkeit als Rapperin steht spätestens seit dem Debütalbum „Tkay“ von 2016 fest. Aber schon damals war es vor allem Tkay Maidzas Vielseitigkeit, die ins Ohr gestochen hat, denn ein Großteil der Platte war nicht von Rap, sondern modernem Elektropop geprägt – der in der Masse dann doch etwas eintönig wurde.

Ganz anders 2018 das Mixtape „Last Year was weird, Vol. 1“: Vielleicht lag es daran, dass Tkay sich darauf vom Zwang befreit gefühlt hat, alles konzeptuell zu verbinden. Die Songs, die Trap, Pop, Dub und mehr vereinen, sind so abwechslungsreich wie fesselnd. Der zweite Teil der angekündigten Mixtape-Trilogie kommt nun mit einer Bandbreite daher, die zwar jedes Konzept unmöglich macht, dafür aber genug Kreativität für mehrere Alben enthält.

Jason Molina: Eight Gates

Jason Molina Eight Gates AlbumcoverOb so ein Album auch ohne die Aura funktioniert? Jede Songwriter-Platte lebt auch durch eine parasoziale Beziehung – aber posthume Veröffentlichungen von vor Jahren tragisch zu früh verstorbenen Musiker*innen wohl am meisten. Dass „Eight Gates“ zwischen 2006 und 2007 im Zuge eines Umzugs nach London und in völliger Abgeschiedenheit entstanden ist, macht den Einstieg wohl ungleich leichter: Molina ist hier auf sich selbst zurückgeworfen, alle neun Songs sind mehr oder minder skizzenhaft.

Was sie verbindet, ist ihre Fähigkeit, mit nicht viel mehr als Gitarre, Schlagzeug und Bass, einigen rudimentären Drones und Field Recordings Londoner Vögel sowie Molinas brüchiger Stimme eine ganze Welt zu eröffnen. Ohne jegliches Vorwissen um seine Person vermag „Eight Gates“ es, in diese Welt einzuladen und zu berühren – weil das Versprechen dieser neun Stücke für sich selbst steht und doch nie eingelöst wird.

 

 

Jaye Jayle: Prisyn

Jaye Jayle Prisyn AlbumcoverStellen Sie sich vor, Nick Cave hätte einen schlechten Trip auf einem Industrial-Rave-Filmfestival: Evan Patterson hat die Skizzen für das bisher mit Abstand seltsamste Album seines Soloprojekts Jaye Jayle zu großen Teilen mit der iPhone-App Garage Band 8 aufgenommen. Die Zeit für die Arbeit nahm Patterson sich auf Tour, inspiriert von der Einsamkeit ebenso wie von surrealen Erlebnissen – einem Van voll Unbekannter etwa, die mit einer Uzi im Anschlag auf einem Highway an seinem Tourbus vorbeizogen.

Das Ergebnis ist ein Hybrid, den nur Pattersons Präsenz als Sänger und Texter sowie Ben Chisholms Gespür als Produzent zu bändigen vermögen. „Prysin“ ist beklemmend und extrem tanzbar, verträumt bis ins Elegische, stoisch und störrisch – nicht selten alles auf einmal. In seiner Unstetheit könnte Jaye Jayle mit seinem Album zu einer anderen Zeit scheitern. Doch für das Jahr 2020 ist es genau richtig.

Glass Animals: Dreamland

Nach einem schweren Fahrradunfall von Schlagzeuger Joe Seaward war die Zukunft der Glass Animals lange Zeit ungewiss: Während Sänger Dave Bayley seinem besten Freund über Monate dabei beigestanden hat, das Gedächtnis wiederzuerlangen und laufen und sprechen zu lernen, ist er auch in die eigene Vergangenheit abgetaucht.

Zwei Jahre nach dem Unfall veröffentlicht das Quartett aus Oxford mit „Dreamland“ nun ein Album, das den angestammten Mix aus entspannter Elektronik, R’n’B und Dance weiter perfektioniert, zugleich aber in den Texten sehr düstere Orte aus Bayleys Kindheit und Jugend aufsucht. Ein Happy End gibt es aber dennoch, denn wenn der Konzertbetrieb in ein paar Monaten wieder anläuft, stehen die Chancen derzeit nicht schlecht, dass Seaward an die Drums zurückkehren kann.