MUSIK

Adele liefert mit „25“ das Album des Jahres

Beim kulturnewsAward 2015 ging die britische Retropopsängerin Adele erst kurz vor Schluss ins Rennen – und trotzdem bei der Abstimmung der Branchenexperten als überlegene Siegerin über die Ziellinie. Auf den Plätzen 2 und 3 landete die Indieband Die Nerven mit „Out“ und Beth Hart mit ihrem Rootsalbum „Better than home“.

Das Erstaunliche am Popphänomen Adele: Sie ist nicht bei einer der großen Plattenfirmen. Sondern beim britischen Label XL Recordings, wo sonst Gestalten wie Peaches, M.I.A. oder Sigur Rós über die Flure huschen – von denen einige längst (und zum Glück) von der Gelddruckmaschine Adele Adkins querfinanziert werden.

Dabei hat die junge Frau aus London einen Vertrag in der Tasche, der für Plattenfirmen normalerweise ein Alptraum ist. Statt sich branchenüblich von Marketingprofis ein optisches, musikalisches und suchmaschinenoptimiertes Image maßschneidern zu lassen, hat Adele die komplette Kontrolle. Sie sucht sich sogar selbst die Produzenten und Coautoren aus (auf dem neuen Album z. B. Tobias Jesso Jr. oder Bruno Mars), und wenn sie unzufrieden ist, steckt sie sich eine Zigarette an, stellt sich ans Fenster und sagt zum Promiproduzenten einfach tschüs. Weil sie es kann – und weil sie weiß, was sie kann: Songs schreiben und singen, die weltweit Menschen zum Weinen bringen, ohne dass sich auch nur einer von ihnen dafür schämen müsste.

Das gilt auch für ihr drittes Album, „25“. Vor zwei Jahren, nach über 50 Millionen verkauften Tonträgern und der Geburt ihres Sohnes, begann Adele wieder damit, Songs zu komponieren. Es wurden (nur) elf. Sie folgen dem Erfolgsmuster ihrer Millionenseller „19“ und „21“ und sind arrangiert als Balladen mit Retroflair, die meist zittern unter der Wucht von Klavierakkorden in Moll. Und Adele singt ihre Verse mit der Stimme einer Frau, die an sich glaubt. Die überzeugt ist, mit einigen Narben, doch ansonsten unbeschadet aus jeder Misere rauszukommen. Die sich einen Panzer aus Empfindsamkeit zugelegt hat.

Das Selbstvertrauen dieser Frau, die Etta James verehrt und sich manchmal die Haare toupiert wie einst Audrey Hepburn, kulminiert in ihrer Musik, in ihrem Vortrag am Studiomikro. In der Öffentlichkeit hingegen gilt sie als schüchtern. Obwohl sie viele Rekorde des laufenden Jahrtausends gebrochen hat und sich jede Woche irgendwo auf der Welt einen Preis abholen könnte, betritt sie rote Teppiche nur widerwillig und huscht dann scheu durchs Verhau der Objektive. Selbst zur anstehenden Tour (alle Konzerte sind natürlich bereits ausverkauft) muss Adele sich zwingen; Tourrekorde wird Frau Adkins mit Sicherheit nicht brechen. Alle anderen wahrscheinlich schon; „25“ trägt bereits fleißig dazu bei.

Obwohl sie sagt, es handele sich diesmal um ein Versöhnungs- statt um ein Trennungsalbum, sprechen sperrige Songs wie „I miss you“ oder das sich aus Klavierintimität ins Üppige hochschraubende „When we were young“ eine andere Sprache. Adele braucht als Inspiration weiterhin das Nachtrauern, das Abnabeln, sie braucht die Patina der Nostalgie. Dennoch gibt es diesmal auch Lieder über den Liebreiz des Hier und Jetzt. In „Love in the Dark“ bekennt sie im Samtgewand aus Klavier und Kammerstreichern: „Du hast mir etwas gegeben, ohne das ich nicht mehr leben kann.“

Zum Rollenmodel für junge Frauen aber macht sie ihr Umgang mit jenen Verletzungen, durch die sie wurde, was sie ist. Gemeinsam mit der zwei Jahre älteren US-amerkanischen Autorin und Schauspielerin Lena Dunham („Girls“) bildet Adele inzwischen ein ikonografisches Duo, das stolz zu dem steht, was Mädchen und Frauen bisher als unzulänglich verkauft wurde.

Verletzlichkeit und Stärke, Unperfektheit und Trotz, dazu noch Humor (wie im oben verlinkten BBC-Video, in dem sie bei einer Castingshow so tut, als sei sei Adele): Auf diese Kombination konnte einfach kein Marketingstratege kommen. Doch genau darin liegt das Erfolgsgeheimnis der erfolgreichsten Sängerin unserer Zeit.

Matthias Wagner


Die Siegeralben beim kulturnewsAward 2015

1. Adele: 25 (XL Recordings)
2. Die Nerven: Out (Glitterhouse)
3. Beth Hart: Better than home (Mascot Label Group)

 

kulturnewsAward 2015
Die besten Kulturproduktionen des vergangenen Jahres – ausgewählt von Hunderten Experten aus der deutschen Kulturbranche.

Nichts verpassen! Einfach unseren Musik-Newsletter abonnieren! Anmelden