MUSIK

Alleingänge und Wiedervereinigungen: Die Alben der Woche

Balthazar Sand

Natürlich freuen wir uns immer, wenn unsere Lieblingsbands so viel wie möglich gemeinsam musizieren. Aber auch Soloausflüge können fruchtbare Impulse mit sich bringen, die dann im besten Fall sogar neuen Wind in die Zusammenarbeit bringen. Das ist Balthazar mit ihrer neuen Platte gelungen: Beide Hälften des Duos haben zwischendurch ihr eigenes Ding gemacht – und so zu einer neuen Tanzbarkeit gefunden. Ähnlich machen es Steve Lukather und Joseph Williams von Toto. Die Urgesteine bringen jeweils ein Soloalbum heraus, aber wer sich die Cover ansieht, erkennt sofort, dass die beiden noch in Kontakt stehen: So viel Ähnlichkeit kann kein Zufall sein.

Die Menahan Street Band musste ihre neue Platte ohne ihren Sänger Charles Bradley aufnehmen. Doch genau das hat die restlichen fünf Musiker nur umso mehr motiviert, ein Album zu machen, das ihres verstorbenen Kollegen würdig ist. Und Tash Sultana macht zwar wie immer das meiste allein, hat sich für „Terra firma“ aber immerhin der eigenen Oma inspirieren lassen. Schließlich gibt es noch das obligatorische Lockdown-Album: In diesem Fall von den Fotos, die „Auf zur Illumination“ mit literarischen Anspielungen gespickt haben. Die Alben der Woche:

Balthazar: Sand

Es waren die Soloprojekte der beiden Songwriter und Sänger, die Balthazar neuen Anschwung gegeben haben: Maarten Devoldere hat als Warhaus zwei sehr jazzige Alben veröffentlicht, während Jinte Deprez unter dem Namen J. Bernhard eine sehr eigene Spielart von Oldschool-R’n’B entwickeln konnte. Plötzlich klang das vierte Album vor zwei Jahren weniger melancholisch und prätentiös als der angestammte Indiebandsound der Belgier – und diesen Weg setzen wie jetzt mit Album Nummer fünf noch viel konsequenter fort. Auf „Sand“ klingen Balthazar so groovy und tanzbar wie nie zuvor: Fingerschnipsen, hoher Backgroundgesang, Big-Band-Vibe, Streicher, Tropicalia-Elemente bei „Hourglass“, ein Saxofon-Solo bei „Leaving Antwerp“, und weil Balthazar seit dem Lockdown auch mit Bass-Synths experimentieren, sollten jetzt auch Metronomy besser in Deckung gegen. Doch das Erstaunlichste dieser Neulanderkundung: Selbst die mit Streichern grundierte Yachtpopballade „You won’t come around“ ist ihnen nicht klebrig geraten.

Fotos: Auf zur Illumination

Glücklich ist, wer in dieser Zeit in der eigenen Wohnung ein Studio zur Verfügung hat. Fotos-Sänger Tom Hessler ist so in drei Lockdown-Monaten auf stolze neun Songs gekommen, die man jetzt auch bestaunen kann: Bei „Auf zur Illumination“ verbinden sich verzerrte Orgeln und Gitarren zu psychedelischen Schlaufen, während es textlich in die dunklen Winkel des Unterbewusstseins geht. Und wir Hörer*innen können uns nun die kommenden drei Pestmonate verkürzen, indem wir nach den Anspielungen auf Rolf Dieter Brinkmann, Thomas Pynchon, Olga Tokarczuk und Neil Young suchen.

Tash Sultana: Terra firma

Mit dem Lockdown ist Tash Sultana vermutlich besser klargekommen als viele andere Musiker*innen. Wer seine Karriere auf den Straßen von Melbourne begonnen hat und alle Instrumente selbst spielen kann, sollte ein Album wie „Terra firma“ eigentlich aus dem Ärmel schütteln können. Dass die Platte trotzdem vier Jahre gebraucht hat, ist daher das Resultat einer freien Entscheidung. „Meine Oma sagt immer, es schmeckt am besten, wenn man richtig langsam kocht“, erklärt Sultana. „Also habe ich mich in Geduld geübt.“ Das hört man: Die neuen Songs wie etwa „Beyond the Pine“ sind gleichermaßen funky und lässig geraten.

Menahan Street Band: The exciting Sounds of Menahan Street Band

Sie haben mit den Black Keys, The Roots und immer wieder mit New Yorker Soul-Größen gespielt. So wäre der weltweite Erfolg des Sängers Charles Bradley ohne Thomas Brenneck, Dave Guy, Nick Movshon, Leon Michels und Homer Steinweiss wohl nicht möglich gewesen. Die fünf bilden eine komplette Band mit Gitarre, Bass, Drums, Trompete und Saxofon, treten aber auch als Producer auf. Der 2017 verstorbene Bradley ist auf ihrem neuen Album als Menahan Street Band (MSB) nur für ein paar Sekunden zu hören – mit einem dieser lustvollen Schreie, die zur ekstatischen Bühnen-Performance dieses Unersetzbaren gehört haben. Doch auch ohne den Ausnahme-Sänger ist „The exciting Sounds of … “ ein grandioses Album geworden, das erste der MSB nach fast zehnjähriger Auszeit. Retro-Synthies säuseln, E-Gitarren twangen mit viel Echo, analoge Break-Beats wummern, die Orgel wimmert, obendrein triumphieren satte Bläser. Geschmackvolle Psychedelica, warmer Soul und perlend leichter Jazz: Kann man vielleicht jetzt schon als das instrumentale Funk-Album des Jahres krönen.

Steve Lukather: I found the Sun again / Joseph Williams: Denizen Tenant

Die schlechte Nachricht: Ein neues Toto-Album mit der neuen Besetzung ist natürlich noch nicht fertig. Doch dagegen steht eine doppelt gute Nachricht: Parallel veröffentlichen die beiden Urgesteine Steve Lukather und Joseph Williams ihre neuen Soloalben. Mastermind Lukather setzt auf „I found the Sun again“ die Inspirationen aus den 70ern mit modernem Klang um und flankiert fünf Eigenkompositionen mit Coverversionen von Traffic, Joe Walsh und Robin Trower.

Auch Sänger Joseph Williams interpretiert auf „Denizen Tenant“ ein paar Fremdkompositionen und holt sich für „Don’t give up“ von Peter Gabriel sogar seine Tochter Hannah an die Seite. Ach ja, und natürlich unterstützen sich Lukather und Williams auch gegenseitig und sind auf dem Alleingang des jeweils anderen vertreten.