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„Fragments“ von Bonobo: Gips aus Musik

Portraitfoto Bonobo
Foto: Grant Spanier

Auf „Fragments“ kann man Bonobo beim Zerbrechen zuhören. Und dabei, wie er sich wieder zusammensetzt.

Superstar-Produzenten haben etwas Paradoxes: Plötzlich läuft ihre Musik – mit Texturen, die man nur über Kopfhörer wirklich hören kann, und Beats, die für die niedrigen Decken eines Klubs gemacht sind – in riesigen Hallen vor Tausenden Leuten. Simon Green alias Bonobo hat diesen Drahtseilakt lange besser gemeistert als fast alle Kolleg:innen. Spätestens seit seinem Album „Migration“ von 2017 ist klar: Bonobo ist der, auf den sich alle einigen können, die Musiknerds und die Feierwütigen, die Raver und die Festivalfans. Auf der dazugehörigen Tour hat der Brite, der in Los Angeles wohnt, vor insgesamt 2 Millionen Menschen performt, auf Festivals wie dem Coachella, aber auch in Konzerthallen wie dem Alexandra Palace in London.

So ganz spurlos ist das dann aber doch nicht an ihm vorbeigegangen. Wie Green selbst erzählt, ist ihm ab 2017 alles ein bisschen zu viel geworden – nicht nur sein intensives Touren, sondern auch die dramatischen Geschehnisse in aller Welt. Nach zwei Jahren unterwegs ist er gerade rechtzeitig nach LA zurückgekehrt, um erst die kalifornischen Waldbrände und dann die Pandemie zu erleben. Das neue Album „Fragments“ fängt ein, wie es klingt, wenn alle Sicherheiten wegbrechen. Im Refrain von „Shadows“, dem erste richtigen Song auf der Platte, bittet Gast Jordan Rakei nicht von ungefähr: „Save me/Save me from the unknown/While I daydream/I leave this world to follow you“.

Doch ganz ohne Halt war Green nicht. Vor allem konnte er sich auf zwei Konstanten verlassen, die seine Musik schon immer geprägt haben: die Natur und der Dancefloor. Erstere hat der auf dem Land Aufgewachsene auf Tournee neu zu schätzen gelernt. Statt im Tourbus mitzufahren, ist Green allein mit dem Auto los und hat an wilden Plätzen Halt gemacht. „Ich bin zum Soundcheck buchstäblich in meinen schlammigen Wanderstiefeln aufgetaucht“, erinnert er sich. Lockdown und Reisebeschränkungen wiederum haben Green auf seine musikalischen Wurzeln gestoßen: „Ich habe mich wieder daran erinnert, wie sehr ich Menschenmengen liebe, und Bewegung und die Verbindung zwischen Leuten.“

All diese Gegensätze sind auf „Fragments“ präsent, vielleicht mehr als je zuvor. Den Track „Tides“ mit Jamila Woods bezeichnet Bonobo selbst als Herzstück des Albums, er befasst sich mit dem Auf und Ab der Gezeiten als ewigem Kreislauf. Immer wieder treffen akustische Instrumente auf elektronische Beats, und auf „Otomo“ verfremden Bonobo und O’Flynn einen bulgarischen Chor zu einem Beatdrop. Eine Voraussage: „Fragments“ wird das Album sein, das nach der Pandemie wieder alle zusammenbringt.

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