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Die besten Krimis 2020: Fünf Tipps aus dem Juni

Die besten Krimis 2020: Unsere Krimitipps aus dem Juni

Auch im Juni gibt es wieder heiße Anwärter für unsere Liste mit den Krimis des Jahres 2020: Andreas Winkelmann zeigt mit einem packendem Whodunit, in welche Gefahr wir uns durch unbedachte Social-Media-Nachrichten begeben, mit „Trojanische Pferde“ gibt es einen bisher unveröffentlichten Roman aus dem Nachlass von Philip Kerr, und Scott Thornley erschafft mit seiner MacNeice-Serie lebensnahe Charaktere, die Macht- und Missbrauchsstrukturen nicht nur kanadischer Alphamachos offenlegen.

5. Nicolas Zeimet: Rückkehr nach Duncan’s Creek

Nicolas Zeimet: Rücker nach duncans Creek cover platz fünf der besten Krimis 2020 im Juni„Bring mich zurück … nach Hause … “, verlangt Sam von Jake. So kehrt Jake nach 19 Jahren mit einer Urne in sein Heimatdorf zurück. Er ist ein leidlich erfolgreicher Schriftsteller und hat sich in San Francisco ein okayes Leben aufgebaut – doch haben ihn die offenen Fragen der Jugendzeit, das Unausgesprochene und Verdrängte, nie zur Ruhe kommen lassen.

Es ist nicht der mit vielen Verweisen von „Stand by me“ bis „Stranger Things“ gespickte Handlung, die den durch und durch US-amerikanischen Roman des Franzosen Nicolas Zeimet auszeichnet: eine Kleinstadtjugend in den 80ern, der Freundschaftsschwur dreier Teenager, häusliche Gewalt, Missbrauch, der Tot von Sams gewalttätigem Alkoholikervater. Zeimet erzählt den oft vorhersehbaren Plot maximal spannend, indem er kapitelweise zwischen Gegenwart und Vergangenheit pendelt.

Und so pathetisch und klischeebeladen Zeimet auch Sams Kampf mit den Traumata zeichnet, gelingt ihm mit dem Protagonisten Jake doch ein Antiheld, dem selbst ein überplakativer Roadtrip mit Mojave-Wüste, Las Vegas und Route 66 nichts anhaben kann. Es ist Jakes Ringen mit Nostalgie, Schicksal und den überlebensgroßen Versprechungen der Popkultur, die der Frage nach dem wirklich Wichtigen im Leben einen eindringlichen und keinesfalls austauschbaren Antwortversuch entgegenstellt.

Polar, 2020

388 S., 22 Euro

Aus d. Franz. v. Ronald Voullié

4. Philip Kerr: Trojanische Pferde

Philip kerr: Trojanische Pferde Cover Platz Vier unserer Liste der besten Krimis im Juni 2020Seit zwei Jahren ist Philip Kerr tot, doch in der Schublade des Krimiautoren befanden sich bei dessen Ableben noch zwei fertige Krimis mit Abenteuern des Helden Bernie Gunther. Was war Gunther in den bisherigen zwölf historischen Krimis nicht schon alles von Beruf: Kriminalkommissar, Concierge, Privatdetektiv, Geheimdienstagent.

Diesmal – wir befinden uns im Jahr 1957, also unmittelbar in der Zeit nach dem letzten Buch „Berliner Blau“ – wäscht Gunther in München unter falschem Namen Leichen. Von einem Bekannten dennoch erkannt, kriegt er einen Job bei einer Versicherungsgesellschaft. Für die muss Gunther schon bald nach Griechenland fliegen, weil dort ein in München versichertes Boot gesunken ist. Dass auf der Doris nicht etwa Archäologen vor Athen geschippert sind, als diese unterging, merkt Gunther schnell. Dass statt dessen die Altnazis Alois Brunner und Max Merten ins Land ihrer Verbrechen zurückgekommen sind und schon wieder ihre Finger im dreckigen Spiel haben, wird bald offenkundig.

Zügig entwickelt Philip Kerr ein Handlungsgeflecht, in dem es um die in den Konzentrationslagern ermordeten griechischen Juden genauso geht wie um das Gold, das die deutschen Besatzer ihnen geraubt haben. Die Bernie-Gunther-Krimis sind Geschichtsunterricht der ganz besonderen Art: Der Stoff ist bitterernst, aber kurzweilig erzählt, was daran liegt, wie Philip Kerrs Krimiplot immer haarscharf neben den wirklichen historischen Ereignissen verläuft.

Wunderlich, 2020

496 S., 24 Euro

Aus d. Engl. v. Axel Merz

3. Donald E. Westlake: Fünf schräge Vögel

Donald E. Westlake: Fünf schräge Vögel coverWenn es jemanden gab, der aus Gaunergeschichten einen großen Spaß gemacht hat, dann Donald E. Westlake. Neben seinen knallharten Parker-Romanen, die unter dem Pseudonym Richard Stark veröffentlicht wurden, ist er vor allem durch seine John-Archibald-Dortmunder-Serie bekannt. Wie sonst nur Elmore Leonard hat Westlake damit nicht nur die klassischen Gangster-Romane der 1970er geprägt, sondern auch dem Heist-Genre neuen Schwung gegeben.

Da war es nur folgerichtig, dass die Verfilmung des ersten Dortmunder-Bands unter dem Titel „Vier schräge Vögel“ eine erfolgreiche Krimikomödie wurde. Westlake hat den Kniff raus: Ein Meisterdieb, der mit seinen kauzigen Spezialisten-Buddies fast unmöglich erscheinende Einbrüche akribisch plant, mit kreativer Cleverness ausführt und vom Pech verfolgt immer wieder bei Null landet. Dieses Narrativ hat Spiel, Spaß und Spannung, ist erwiesenermaßen serientauglich und die Geheimformel für bestes Gaunertainment: Gezeigt hat das schon der stilbildene Film „Rififi“ (1955), und wie zuletzt in „Ocean’s 8“ (2018) wird die Formel immer wieder gnadenlos variiert.

Wenn jetzt nach 50 Jahren John Dortmunders Auftakt-Coup erstmals in vollständiger Übersetzung erscheint, kommt man auch hierzulande endlich in den Genuss dieses Klassikers, der ein Highlight des Genres ist und viele Nachahmer inspiriert hat. „Fünf schräge Vögel“ liest sich heute kein bisschen wie aufgewärmte Krimikost, sondern bekommt gerade auch durch die typischen 70er-Jahre Sprüche und seinen Retrocharme die Kirsche aufgesetzt. Früher fanden Männer sich eben noch lässig, wenn sie Frauen als „Honeybun“ bezeichnet und Zigarettenanzünder aus dem Autofenster geworfen haben.

Westlake gelingt dabei die Balance zwischen Krimi-Klamauk und elegantem Schurkenstück: Sein Gespür für Timing treibt die insgesamt sechs Versuche, an einen wertvollen Smaragd zu gelangen, geschickt von einem Spannungshoch zum nächsten. Immer abstruser und gewagter muss Dortmunders Bande sogar in ein Gefängnis einbrechen oder dreist mit dem Helikopter ein Polizeirevier überfallen.

Dabei stecken die Diebestouren, die mit liebenswerter Kaltschnäuzigkeit durchgezogen werden, voller unerwarteter Ideen. Westlake hatte merklich Spaß daran, den Leser lange im Unklaren zu lassen, wer zum Schluß wirklich den echten Smaragd in der Hand hält – und bis heute klingt keine Kopie besser als das Original.

Atrium Verlag, 2020

288 S., 10 Euro

Aus d. Engl. v. Tim Jung

2. Scott Thornley: Der gute Cop

Scott Thornley: der gute cop coverEffektive Leichenentsorgung ist ja immer ein Thema in der Gangsterbranche. Neben Kreativität sind da vor allem handwerkliche Fähigkeiten gefragt, wie sich in der kanadischen Provinz Ontario zeigt. In der Hafenstadt Dunburn stößt die Polizei auf fachmännisch in Folie eingeschweisste und einbetonierte Leichen sowie auf geschredderte Knochenreste. Den stiernackigen Opfern – offenbar Mitglieder einer berüchtigten Motorrad-Gang – wurden die Schädel eingetreten und mit einem elektrischen Tranchiermesser die Tattoos oder gleich das ganze Gesicht weggesäbelt.

So müssen sich Detective MacNeice und sein Team immer erst mit Presslufthammer, Schweißbrenner oder Hochleistungs-Staubsauger ein Bild von der Lage machen, bevor die Ermittlungen beginnen können. Vieles deutet auf einen Biker-Krieg hin. Aber auch ein erbittert geführter Konkurrenzkampf im Baugewerbe könnte hinter dem Gemetzel stecken, denn von einem ehrgeizigen Hafen-Projekt möchte jeder profitieren. Dass der Bürgermeister die Sache schnell vom Seziertisch haben will, ist zugleich verständlich und auch verdächtig.

Als dann Gangmitglieder auf offener Straße in die Luft gesprengt werden und sogar ein Sergeant mehr als nur seine Hand verliert, gerät der bislang so coole MacNeice richtig unter Druck. Vor allem, da gleichzeitig ein selbsternannter Tempelritter einen privaten Kreuzzug gegen farbige Frauen führt und sich die junge muslimische Polizistin Fiza Aziz leichtfertig in höchste Gefahr begibt. Ein Detective im Kampf gegen Korruption und Killerwahnsinn, und natürlich: Kein Kanada-Krimi ohne böse Biker!

Soweit also ein Spannungs-Standardgemisch, das hier – ziemlich gekonnt – durch den Betonmischer gedreht wird. Scott Thornley erschafft mit seiner MacNeice-Serie lebensnahe Charaktere, die Macht- und Missbrauchsstrukturen nicht nur kanadischer Alpha-Machos offenlegen. Vor allem Detective MacNeice ist sehr vielschichtig und ungewohnt verletzlich gezeichnet: Der kompetente Cop ist überhaupt nicht so abgebrüht und breitbeinig, wie es sein Job von ihm verlangt.

Doch gerade deshalb ist er stark. Nach dem Dienst reichen der doppelte Grappa und etwas Brahms längst nicht mehr, um den Horror zu verdrängen. Trost erfährt er eher, wenn er mit seiner verstorbenen Frau Kate redet. Und wenn sonst nichts mehr geht, sucht er Sinn und Erkenntnis in dem, was die Vögel ihm so zwitschern …

Suhrkamp, 2020

524 S., 16 Euro

Aus d. Engl. v. Karl-Heinz Ebnet u. Andrea O’Brien

1. Andreas Winkelmann: Der Fahrer

Andreas Winkelmann: Der Fahrer Cover Unsere Nummer 1 der besten Krimis 2020 im JuniMindestens 100 Euro und ein Punkt in Flensburg – wird man mit dem Handy beim Autofahren erwischt, kommt man an einer saftigen Strafe nicht vorbei. Die junge Studentin Krystina Zoller gerät nach selbstverliebten Selfie-Posts am Steuer in eine nächtliche Polizeikontrolle. Doch ahnt sie nicht, dass diese nur fingiert ist und ihr Verkehrsvergehen tödliche Folgen haben wird.

Sie ist einem Psychopathen in die Falle gegangen, der sie entführt, brutal schlägt, vergewaltigt und zu Tode würgt. Ihre Leiche wird schließlich auf einer Bank im Hamburger Stadtpark gefunden. Zuvor hat der Killer die Polizei mit einem perfiden Spiel vorgeführt: Auf Krystinas Wagen malt er mit Leuchtfarbe den Hashtag „#findemich“, Fotos des Tatverlaufs hat er auf ihrem Instagram-Account gepostet, mit denen er ein Ultimatum von 24 Stunden stellt, damit Krystina doch noch lebend gefunden werden kann.

Trotz seiner Social-Media-Aktivitäten und dem erkennbaren Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs auf einem hochgeladenen Foto ist die Suche in der Millionenstadt aussichtslos. Es fehlt ein Motiv, das erklärt, warum der harmlose Post eines Mädchens solch einen Hass freisetzen kann. Für den nicht gerade internetaffinen Kommissar Jens Kerner beginnt ausgerechnet an seinem Geburtstag ein atemloser Wettlauf mit dem „Hashtag-Killer“, der mit „#nächstesMal“ weitere Morde ankündigt und diese prompt auch wenige Tage später auf die gleiche Art ausführt.

Es ergibt sich der Verdacht, dass es sich um eine persönliche Abrechnung mit Kerner handelt. Spuren stehen mit seiner Exfrau in Verbindung – und dass sein geliebter feuerroter Pick-up-Truck gerade jetzt so muckt, kann doch auch kein Zufall sein. Als schließlich Jens’ merkwürdiger Bruder Karsten nach Jahren wieder in Erscheinung tritt, entbrennt nicht nur ein alter Zwist, sondern es ist auch durchaus denkbar, dass er der Täter ist. Schließlich stellt er gerade Bilder aus, die mit einer ähnlich fluoreszierenden Farbe gemalt sind, wie sie auch auf Krystinas Wagen verwendet wurde.

Andreas Winkelmanns dritter Hamburg-Thriller ist nicht nur eine spannende Jagd auf einen gewieften Psycho in den Straßen zwischen Barmbek und dem Grindelviertel. Mit realistischem Lokalkolorit sowie lebensnahen Protagonisten führt Winkelmanns Großstadtkrimi zu Fragen, die wir uns immer wieder stellen sollten: Auf wen trifft man, wenn man sich dort draußen bewegt?

Virtuell im Netz oder real auf der Straße. Wer gerade noch mitgelesen hat, was auf Online-Plattformen gepostet wurde, kennt meine Wege und weiß, wo ich mich befinde. Vielleicht sitzt er real neben mir im Auto eines dieser neuen Fahrdienstanbieter, bei dem ich gerade online eine Fahrt gebucht habe. Es geht um Online-Stalking, mit dem sich auch Winkelmanns Ermittler Kerner noch nicht auseinandergesetzt hat.

Der 54-Jährige ist noch alte Schule: Er will zu oft mit dem Kopf durch die Wand, mit der Faust in ein Gesicht und mit dem Finger zum Abzug seiner Dienstwaffe. Internet ist nicht so sein Ding. Deshalb muss er sein Misstrauen gegenüber dem nerdigen IT-Forensik-Experten im Team erst mal mühsam ablegen und sein „Gefällt-Mir“-Verhältnis zu der im Rollstuhl sitzenden Kollegin Rebecca auch ohne Online-Likes und Herzchen-Icons hinbekommen.

Am Ende führen dann Teamwork, Rebeccas Gespür für Details – und ausgerechnet so altertümliche Dinge wie eine Nachricht im Morsecode und Schulkreide zur überraschenden Lösung des Falls. Um heutzutage Morde aufzuklären, muss man eben Instalooker genauso im Blick behalten, wie den Dreck auf der Straße. Und wer immer noch denkt, im Internet alles folgenlos von sich preisgeben zu können, wird von Winkelmann eindrücklich gewarnt. Überall sitzen Spinnen im Netz, die nur auf leichte Beute lauern …

Rowohlt, 2020

400 S., 10 Euro