Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle von Valeria Gordeev
In ihrem Romandebüt Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle erschafft Valeria Gordeev einen irrwitzigen Bildersturm, der quer durch Europa fegt.

„Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ von Valeria Gordeev ist unser Buch der Woche.
Den Deutschen Buchpreis hat Valeria Gordeev am Ende nicht gewonnen. Vielleicht, weil ihr Roman dann doch nicht ganz in den Zeitgeist passt. Oder doch irgendwie, aber nicht auf die gewohnte Art. Zwar geht es auch in „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ um hochaktuelle Themen wie Migrationserfahrungen, Krieg in Europa und die Berliner Wohnungsnot. Aber sie sind für die Autorin nur Teil eines wahnwitzigen, überschwappenden Erzählstroms, der beim fortschreitenden Lesen immer schneller um sich selbst kreist. Was genau sich im Auge dieses Sturms befindet, ist gar nicht so leicht zu beantworten.
Klar, irgendwie geht es um Lada, etwas ziellos in Berlin lebend, in einem Haus, das zur Endlosbaustelle geworden ist. Und um ihren deutlich älteren Bruder Konstantin, der kürzlich nach Moskau gezogen ist und dort im Lenin-Mausoleum angestellt ist. Eigentlich arbeiten aber beide Geschwister heimlich für ihren superreichen Onkel Boris, für den sie Objekte beschaffen und nach Deutschland schmuggeln – nur wissen sie gar nichts von dieser Gemeinsamkeit, denn sie haben keinen Kontakt mehr. Im Mausoleum geht es natürlich darum, die Leiche Lenins möglichst lange zu konservieren, und verschiedene Akteure erhoffen sich dadurch Hinweise darauf, wie man auch das Leben an sich verlängern könnte. Zugleich sieht eine mysteriöse Sekte darin einen Affront gegen Gott, und später spuken gar Gespenster und Roboter durch die Seiten, während die russische Politik eine ungeahnte Wendung nimmt.
Einen Roman wie das Debüt von Valeria Gordeev hat es in Deutschland noch nicht gegeben
So viel zum roten Faden, den Gordeev mit hyperrealistischen Details, allerhand Nebenschauplätzen und -figuren, sprachlichen Spielen und Illustrationen ausschmückt. Mitdenken ist unbedingt erforderlich, wenn sich hier zurechtgefunden werden soll, doch von Seite zu Seite, Satz zu Satz ist das niemals anstrengend, oft sogar sehr komisch. Hochtrabende Vergleiche sind bei einem solchen Buch nie fern: Bulgakow und Kafka liegen nahe, doch in der reinen Experimentierfreude und der zyklischen Struktur ist die Referenz, die sich am meisten aufdrängt, tatsächlich David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“ – ein Buch, das literarische Epoche gemacht hat. Ob das Gordeev auch gelingt, wird sich zeigen. Fest steht schon jetzt: Einen Roman wie diesen hat es im Deutschen noch nicht gegeben.
Wer sich für „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ von Valeria Gordeev interessiert, sollte auch unsere Buchkritik zu „Zweifelssohn“ von Max Czollek lesen.

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