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„Alles Wischiwaschi“: DJ Seinfeld über den Zustand der DJ-Industrie

DJ Seinfeld steht vor blauem Himmel
DJ Seinfeld hat es auf die ganz großen Bühnen geschafft – trotzdem hadert der Schwede mit der DJ-Industrie. (Foto: Mushtak Awad)

Weil der schwedische House-DJ Armand Jakobsson alias DJ Seinfeld das Spiel verstanden hat, steht er heute auf den ganz großen Bühnen von Coachella bis Ibiza. Und trotzdem hofft er auf eine Gegenkultur.

Armand, wo steckst du gerade?

Armand Jakobsson: Eigentlich sollte ich ja in Berlin sein, aktuell sitze ich aber zu Hause in Schweden. In Malmö.

Schöne Stadt!

Jakobsson: Vorwiegend: kleine Stadt! (lacht)

Und dein produktiver Rückzugsort?

Jakobsson: Ich bin wahnsinnig schlecht darin, auf Reisen Musik zu machen. Als DJ reise ich allerdings ständig. Das beißt sich. Mein neues Album ist dementsprechend immer in den Ruhephasen entstanden. Mal in Malmö, mal in Berlin.

Und dazwischen hast du dann mal eben die wichtigsten Festivalbühnen und Klubs bespielt. Da darf man sich auch mal fünf Jahre Zeit für ein neues Album lassen. Zumal „If this is it“ nun auch wirklich kein Material für deine Sets ist. Jeder Song ist mit Vocals versehen und viele Songs folgen gar einer Popsong-Struktur. Ich denke da etwa an „Of Joy“ mit ARY oder „Something that i’ve never known“ mit SG Lewis.

Jakobsson: Heute ist es als DJ wichtig, eine klare Linie zwischen den eigenen Alben und den Sets zu ziehen. Historisch gesehen mussten DJs keine eigenen Alben haben, um erfolgreich zu werden. Das ist heute anders. Du profitierst zwangsläufig davon, wenn andere DJs deine Songs spielen. Ich selbst baue meine eigenen Songs aber nur sehr selten live ein. Bei schnellen UK-Garage-Sets passt etwa kein melancholischer DJ-Seinfeld-Song rein. Ich versuche, mit Alben und Sets gewissermaßen zwei unterschiedliche Welten zu bedienen – wenn man so will: zwei Märkte.

DJ Seinfeld: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ein Algorithmus an einem Dienstag über die Arbeit meiner letzten fünf Jahre entscheidet.“

Die großen Festivals buchen fast ausschließlich DJs, die auch ihre eigenen Songs spielen. Es reicht also sowieso nicht mehr aus, „nur noch“ ein DJ-DJ zu sein.

Jakobsson: Die DJ-Industrie hat sich sehr dem Konzertbetrieb angenähert. Das Publikum will den einen DJ sehen, will die Hits hören, will Vorhersehbarkeit. Wie bei Bandkonzerten. Per Definition können DJs so etwas aber nicht leisten. Ihr Job ist es, Unbekanntes hervorzuholen, zu kuratieren, Geschmack herauszufordern. Willst du aber erfolgreich sein, musst du nach den neuen Regeln spielen. Willst du ein DJ-DJ sein, geht das natürlich immer noch. Ich habe sogar das Gefühl, dass gerade wieder eine Gegenkultur entsteht.

Viele DJs beschweren sich darüber, dass Social-Zahlen über Bookings entscheiden. Ihr müsst also nicht nur auch noch Produzent:in, sondern auch noch Creator:in werden.

Jakobsson: Und das ist wahnsinnig anstrengend. Egal, mit welchen Artists ich aktuell spreche, alle haben diesen Shift bemerkt. Es wird immer schwerer, seine Fans zu erreichen, wenn man nicht bereit ist, den Algorithmus zu füttern. Das Problem ist: Ich bin kein Verkäufer. Du wirst mich niemals im Studio sehen, wie ich Dance-Challenges zu meinen eigenen Songs mache. Das bin ich einfach nicht. Und die Leute da draußen, also meine Fans, die sind nicht dumm. Die merken, wenn sie verarscht werden und ihnen bloß etwas verkauft werden soll. Und das noch viel größere Problem ist: Wenn ich denen meine Musik erst verkaufen muss, will ich gar nicht erst, dass sie gehört wird. Der Platz für echte Culture wird immer kleiner. Auch hier ist auf eine Gegenkultur zu hoffen: Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ein Algorithmus an einem Dienstag über die Arbeit meiner letzten fünf Jahre entscheidet.

Seit einigen Jahren schon halten Vocals, Hymnen und der Spaß wieder Einzug in die Klubs. Das Zackige ist nicht länger den düsteren Kellern vorbehalten. Ich denke an Malugi, Narciss, Marlon Hoffstadt oder DJ Heartstring. Sie alle haben es zudem geschafft, sich selbst zur Marke zu machen. Aber was ist der nächste Trend?

Jakobsson: Die großen, glänzenden Swedish-House-Mafia-Synths kommen gerade wieder. Nennen wir es Neo-EDM meets Poprap. Das explodiert dann wieder, und dann heißt es: zurück auf Anfang. (lacht)

Bevor ich dich nun wieder ans Malmöer Meer lasse, noch eine Frage. Mit Boko Yout und Deki Alem kommen gerade zwei meiner Lieblingsbands aus Schweden. Welchen schwedischen Artist sollte ich mir auf jeden Fall vormerken?

Jakobsson: Megra. Wenn du DJ Heartstring magst, wird dir sein Sound gefallen. Aktuell versuche ich aber eigentlich, mich bewusst von Schweden zu lösen. Hier passiert gerade nichts in Sachen Klubmusik. Alles Wischiwaschi.

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