Zum Inhalt springen
Musik

Ein Funke springt über: Floating Points schreibt den Mythos der Pandora neu

Sam Shepherd alias Floating Points hat seine erste Ballettpartitur komponiert – und den Mythos der Pandora neu geschrieben.

Sam Shepherd alias Floating Points sitzt vor einem weißen Vorhang in einem Raum.
Sam Shepherd alias Floating Points komponiert seine erste Balletpartitur. (Foto: Genevieve Reeves)

Es war wohl unvermeidlich, dass Sam Shepherd eines Tages ein Ballett komponieren würde. Nicht unbedingt, weil der Engländer mit der schwedischen Tänzerin und Choreografin Hannah Ekholm liiert ist. Sondern eher, weil er bisher noch jedes Genre ausprobiert hat: Nach einer klassischen Ausbildung hat er sich mit Klubmusik einen Namen als Floating Points gemacht, doch sein bisher größter Erfolg ist „Promises“, ein Jazzalbum mit Pharoah Sanders und dem London Symphony Orchestra. Der Sprung zum Ballett war also nie weit – und doch muss „Mere Mortals“, das gerade als von ihm selbst produzierte Aufnahme veröffentlicht wurde, eine besondere Herausforderung gewesen sein.

Die Anfrage kam von Tamara Rojo, die soeben das San Francisco Ballet übernommen hatte. „Ein Ballett zu schreiben war mir noch nie in den Sinn gekommen, doch ich antwortete: ,Am liebsten die ganze Show‘“, erzählt Shepherd. „Und so kam es!“ Es war Ekholm, die ihm den Mythos um Pandora als Thema nahelegte. Und so handelt „Mere Mortals“ von Prometheus, der den Menschen das Feuer schenkt, und von Pandora, die von den Göttern zur Strafe auf die Erde geschickt wird und deren Büchse das Verderben bringt. Doch Shepherd und Rojo geben dem ganzen einen modernen Twist: Das Übel, das aus der Büchse kommt, hat Parallelen zu Klimawandel und KI. Shepherd will den Mythos dabei durchaus feministisch lesen: „Bei Pandora geht es nicht darum, die Hölle auf Erden zu bereiten. Tatsächlich steht sie für Neugier und Wandel.“

Ballet und Orchester

Wer „Mere Mortals“ nun zu Hause statt in San Francisco hört, muss natürlich auf die Choreografie von Aszure Barton und die Visuals von Hamill Industries verzichten. Doch auch ohne Worte und Bilder ist Shepherd ein hervorragender Dramatiker. Seine Musik verbindet die klassischen Instrumente des San Francisco Ballet Orchestra mit Shepherds eigenen Synthesizern – auf eine Weise, die weit über Elektro-Klassik-Klischees hinausgeht. Dabei ist für Liebhaber:innen grandioser Ballettmusik ebenso viel zu entdecken wie für Floating-Points-Fans: Das wiederkehrende Motiv der Violine, das bereits im Opener „Fire“ erklingt und nie ganz verlischt, erinnert an den Puls, der „Promises“ strukturierte. „Pandor’s Creation“ weckt Assoziationen mit Gustav Holst, ehe ein ausgedehntes Schlagzeugsolo das Stück beendet. Und dass „Zeus’ Command“ an Steve Reich erinnert, ist sicher kein Zufall – wie Shepherd erzählt, war seine erste Ballett-Erfahrung eine Choreografie zu „Music for 18 Musicians“.

Wenn in „Opening the Jar“ schließlich die Büchse der Pandora geöffnet wird und der Klang minutenlang anschwillt, um schließlich in einer Free-Jazz-Kakofonie zu explodieren, klingt das so episch und dräuend wie Strawinskys „Le sacre du printemps“. Shepherd nutzt dabei die Elektronik vor allem, um Texturen hinzuzufügen, über die die klassischen Instrumente nicht verfügen, und erweitert so die Klangpalette auf organische Weise. Wenn Pandora für Neugier und Wandel steht, lässt sich ohne Vorbehalte sagen: Sam Shepherd ist ihr gerecht geworden.

kulturnews.letterDein Schlüssel zur Szene

Jetzt Zugang sichern

Exklusive Vorteile, Tickets, Events, News und Gewinnaktionen

Musik

Hörenswert

kulturnews.de
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.