MUSIK

Episch, international und überraschend hoffnungsvoll: Die Alben der Woche

GY!BE

Godspeed You! Black Emperor sind nicht gerade für leichte Kost bekannt. Umso willkommener ist uns die neue Platte „G_d’s Pee AT STATE’S END!“. Darauf gibt sich die Postrockband am Anfang rockiger, als wir es bisher gewohnt waren – um dann in der zweiten Hälfte überraschend viel Raum für Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu lassen. Damit sind sie exemplarisch für die neuen Alben, die diese Woche erscheinen. Neben Godspeed You! Black Emperor gibt es da noch Piers Faccini. Seine neue Platte „Shapes of the Fall“ ist ebenfalls nicht unbedingt einfach. Aber die Komplexität der Komposition und die vielfältigen Einflüsse sind kein Hindernis, um zu erkennen, dass es Piers Faccini nicht um bloße „Weltmusik“ geht, sondern um wirkliche Verständigung.

Und zuletzt sind da noch Dry Cleaning, die endlich ihr Debüt „New long Leg“ veröffentlicht haben. Das mag den Anschein von Düsternis und Sperrigkeit erwecken, beschränkt sich Florence Shaw doch auf Sprechgesang und vor allem ernste Themen. Doch auch das Essen kommt bei ihr überraschend oft textlich vor. Die Alben der Woche:

Piers Faccini: „Shapes of the Fall“

Man durchdringt sie vielleicht nicht beim ersten Zuhören, die kompositorischen Ideen, die Piers Faccini für sein neues Werk „Shapes of the Fall“ entwickelt hat. Aber es findet sich in jedem Song etwas, an das man sich erst einmal anlehnen und dem man konzentriert zuhören kann: zurückhaltende Streicher im Opener „They will gather no Seed“, treibenden Rhythmus gepaart mit Call and Response in „Foghorn calling“ oder die arabisch eingefärbten Oud-Klänge und Vocals eines Songs wie „Dunya“.

Neben dem marokkanischen Gnawa-Sänger Abdelkebir Merchane hat auch Ben Harper seinem Freund Faccini die Stimme geliehen: Im Trio wird „All aboard“ zu einem fast epischen Dreh- und Angelpunkt des Albums. Nordeuropäisch anmutende Folkmelodien paart der anglo-italienische Songwriter so treffsicher mit nordafrikanischen Klängen, dass an keinem Punkt der Eindruck entsteht, hier wolle jemand einfach nur mal ein bisschen „Weltmusik“ machen.

Godspeed You! Black Emperor: G_d’s Pee AT STATE’S END!

In einer Zeit, in der man jedes einzelne selbsternannte Corona-Statement eines Künstlers oder einer Künstlerin fürchten muss, sind Godspeed You! Black Emperor eine seltene Ausnahme. Zum einen, weil die Band es sichtlich ernst meint: Schon seit dem Debütalbum von 1997 hat ihr dystopischer Postrock eine politische Dimension. Ein Statement zur Lage der Nation (oder deren Ende) ist für sie kein hohler Opportunismus. Zum anderen: Weil ihre Musik instrumentell ist, kommen sie ohne Klischees oder Verkürzungen aus – bei Stücken, die sich regelmäßig auf eine Länge von 15 bis 20 Minuten einpendeln, ist eher das Gegenteil der Fall.

Und daher ist „G_d’s Pee AT STATE’S END!“ auch so eine willkommene, ja, herbeigesehnte Platte. Die neue politische Realität und ihre Unsicherheiten haben Godspeed You! Black Emperor neu belebt. So ist ihr nunmehr siebtes Studioalbum vor allem auf seiner ersten Hälfte deutlich reduzierter und rockiger als bisher – und allen Widrigkeiten der Gegenwart zum Trotz lädt die zweite, triumphal orchestrale Hälfte mehr als alle bisherigen Alben der Quebecer*innen dazu ein, hoffnungsvoll in eine bessere Zukunft zu blicken.

Dry Cleaning: New Long Leg

Dry Cleaning sind derzeit die coolste Band Großbritanniens. Sängerin Florence Shaw flankiert den Postpunk ihrer drei Kollegen mit oft sehr wütenden und verzweifelten Texten – aber für Lyrics über das Essen ist auch noch Platz. Den Anstoß zur Gründung hat eine gemeinsame Karaoke-Party gegeben, bei dem die Jungs alle gemeinsam einen Song der Deftones zum Besten gegeben haben. Auf ihrem Debütalbum „New long Leg“ erinnern Dry Cleaning an sperrige Größen wie Sonic Youth oder Black Box Recorder.

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