Erde von Sven Hillenkamp
In Erde entwickelt Sven Hillenkamp einen hypnotischen, melancholischen Sog, der nicht nur die Hauptfigur mit sich mitreißt, sondern auch die Lesenden.

Jan ist elf, als seine Mutter stirbt. Doch schon davor haben ihn ihre Probleme, ihre Affären, ihre instabile Liebe für immer geprägt. Nach dem Tod der Mutter lässt der Vater ihm alles durchgehen, während er der Stiefmutter nichts recht machen kann. Jans Leben wird zu einer endlosen Suche nach Zugehörigkeit: in den Armen fremder Frauen, in brüchigen Freundschaften, in politischem Aktivismus. Doch etwas steht immer im Weg, Jan schafft es nicht, seine wahren, tiefsten Wunden zu konfrontieren.
Sven Hillenkamp schreibt in „Erde“ aus der Sicht eines Menschen, der keinen Zugang zur eigenen Psyche hat. Oft in simplen Hauptsätzen oder nüchternen Aufzählungen, in scheinbar emotionslosen Schilderungen von Begebenheiten, nur um dann wieder extrem explizit zu werden, wenn Jan wieder in eine Krise rutscht. Sein Leben ist eine einzige Gegenwart, weil er keine Zusammenhänge zwischen verschiedenen Lebensabschnitten herstellen kann. Nur stellenweise schimmert der erwachsen gewordene Erzähler als einordnende Instanz durch. Die Wiederholungen entwickeln einen hypnotischen, melancholischen Sog, der nicht nur die Hauptfigur mit sich mitreißt, sondern auch die Lesenden.
„Meine Augen fühlen sich ausgetrocknet und unbeweglich an – als hätte ich eine Stunde oder länger geweint. Aber in jedem Auge war nur eine Träne. Die Tränen waren zu klein, um über die Lider zu springen, über meine Wangen zu laufen und zu Boden zu tropfen, ich habe sie mir aus den Augen gewischt.“
Mit „Erde“ hat es Sven Hillenkamp auf unsere Liste der besten Bücher im November 2026 geschafft.
Literatur


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