Es wird Steine regnen von Lars Becker
So fantasievoll wie Es wird Steine regnen von Lars Becker sind Thriller selten. Darin fliehen zwei Tote aus der Unterwelt nach Berlin.

Ob als Regisseur, Drehbuchschreiber oder Autor von zwei Romanen aus den 90ern – Lars Becker wird dank Filmen wie „Kanak Attack“ oder Fernsehreihen wie „Der gute Bulle“ fest mit einem einzigen Genre assoziiert: dem Krimi. Und auch sein neues Buch „Es wird Steine regnen“ hat viel von einem Kriminalroman – nur greift diese Beschreibung viel zu kurz, hat Becker doch eine einzigartige Kombination aus SciFi, Urban Fantasy und Thriller geschaffen, die wie nebenbei eine der größten Fragen überhaupt beantwortet: Was kommt nach dem Tod?
In der Welt des Romans ist das Jenseits gar nicht mal so weit weg, gerade mal drei Kilometer unter der Erdoberfläche. Wer stirbt, kann dort ziemlich normal weiterleben, nur ohne Sonnenlicht und mit deutlich verlängerter Lebensspanne. Doch Terrapolis ist für viele Bürger:innen, die sich durch tropische Hitze und lichtlose, weltumspannende Tunnel quälen, mehr Hölle als Himmel. So wie für den kommunistischen Arbeiter, der sicher nicht zufällig Dante Palazzo heißt, und den Ex-Gangster Majid Ramzy. Gemeinsam fliehen sie nach oben, was nicht nur streng verboten, sondern ohne das seltene Blaue Serum auch tödlich ist. Das totalitäre System schickt sofort ein Killerkommando hinterher, muss sich aber gleichzeitig auch noch mit einem Terroristen herumschlagen, der droht, einen Zug in die Luft zu sprengen. Derweil landen Dante und Majid in Berlin, wo nicht nur Majids Ex Mona, sondern auch der Polizist warten, der ihn einst unter die Erde gebracht hat …
All das ist mit so viel Liebe gezeichnet, dass man gern noch mehr Zeit in dieser Unterwelt verbringen möchte
Den atemlosen Thrillerplot, das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Gangstern, korrupten Cops und Unterwelt-Spezialeinheit spult Krimi-Veteran Becker mit erwarteter Souveränität ab. Ungewöhnlicher ist das detaillierte Worldbuilding von Terrapolis: die unterweltliche Wirtschaft, die internationale Community aus Ex-Soldat:innen und -Spezialagent:innen, die grünen Vulkanpapageien, das rote Wasser. All das ist mit so viel Liebe gezeichnet, dass man gern noch mehr Zeit in dieser anderen Welt verbringen möchte, die am ehesten noch an die Jugendbuchreihe „Artemis Fowl“ erinnert. Insofern ist es fast schade, dass Becker den emotionalen Showdown auf der Oberfläche verortet. Hier trifft nicht nur Majid Mona wieder, sondern auch Dante seinen Sohn, der sich nicht an ihn erinnert. Und dann ist da noch Lorraine, die Polizistin, die nach den beiden fahndet und gleichzeitig gegen ihren Kollegen Düül ermittelt. Der wiederum hat nicht nur Majid, sondern auch den Vorzeige-Ermittler Luka auf dem Gewissen. Luka war Lorraines Mann – und er ist es, der von Terrapolis mit der Verfolgung von Dante und Majid beauftragt wird.
Das Tempo von Lars Becker ist so rasant, da bleibt für Verwirrung keine Zeit
Dieses komplexe Geflecht aus Beziehungen und Verbrechen könnte verwirren, doch Beckers Tempo ist so rasant, dass dafür gar keine Zeit bleibt. Leider sorgt es auch dafür, dass nur selten wirklich emotionale Momente aufkommen. Die größeren Implikationen, die fundamentalen Fragen, die sich durch die Prämisse ergeben, verkommen damit zur Kulisse für eine Verfolgungsjagd, die durch das übernatürliche Element nicht wirklich gewinnt. Dante und Majid könnten statt aus Terrapolis auch aus einem Hochsicherheitsgefängnis entkommen sein, ohne dass das allzu viel verändern würde. Das macht „Es wird Steine regnen“ nicht weniger unterhaltsam oder spannend – riecht aber trotzdem ein wenig nach verpasster Gelegenheit. Wer weiß, ob Becker bereits an einer Fortsetzung arbeitet, Material hätte er jedenfalls mehr als genug. Wenn tatsächlich irgendwann ein zweiter Band folgt, steht unser Wunsch fest: nächstes Mal noch mehr Unterwelt, bitte!
Mit „Es wird Steine regnen“ hat es Lars Becker auf unsere Liste der besten Bücher im November 2026 geschafft.
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