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Musik

Julia Holter fühlt, statt zu verstehen

Ihr Artpop bleibt komplex, dabei geht es Julia Holter vor allem um Emotionen – und um ganz spezielle Alanis-Morissette-Momente.

Julia Holter steht mit ausgestreckten Armen auf einem verträumten schwarz-weiß Bild.
Julia Holter bündelt auf ihrem neuen Album Emotionen. (Foto: Dicky Bahto)

Julia, gestern habe ich mit einer Freundin gesprochen, die schon länger vorhat, sich intensiver mit deiner Musik zu beschäftigen, und sie hat mich gefragt, ob dein neues Album „Materia“ nicht ein guter Einstieg wäre. Ich bin da sehr unsicher und gebe die Frage jetzt einfach mal weiter …

Julia Holter: Puh, das ist aber keine leichte Eröffnungsfrage! (lacht) „Materia“ geht schon, denn mit „The Laugh is in the Eyes“ und auch „Fantasy“ gibt es ja schon sehr eingängige und melodiöse Stücke. Aber ganz generell tendiere ich eher zu „Aviary“, weil dieses Album am besten die verschiedenen Seiten meiner Musik abbildet. Du solltest deiner Freundin allerdings nicht verschweigen, dass „Aviary“ auch sehr lang ist. (lacht)

Ich habe bei „Materia“ auch nur gezögert, weil sich das Album ja sehr stark auf den Vorgänger „Something in the Room she moves“ aus dem Jahr 2024 bezieht.

Holter: Eigentlich möchte ich mit einer neuen Platte immer ganz weit weg vom Vorgänger, aber diesmal wollte ich noch länger in der Welt von „Something in the Room she moves“ bleiben und in ihr bestimmte Dinge erforschen. „My Twin“ ist eine mehr als zehn Minuten lange Improvisation, die noch aus dieser Zeit stammt und die unbedingt veröffentlichen wollte. Und auch wenn ich früher schon Sequel-Songs gemacht habe, gibt es hier zum Stück „Materia“ vom Vorgänger ja gleich zwei neue Versionen.

„Materia 3“ definierst du als Bonusstück und verweist damit auf das Zeitalter der CD. Ich habe ja Bonustracks immer gehasst, weil man oft mehrere Minuten lang warten musste, nur um dann häufig einen Song zu bekommen, der nicht mehr ist als ein schlechter Witz …

Holter: Stimmt, ich weiß genau, was du meinst. (lacht) Aber ich habe da gar nicht so negative Assoziationen und erinnere mich vor allem an das A-cappella-Stück „Your House“ von Alanis Morissettes Album „Jagged little Pill“. Das hat mich emotional tief berührt und sich am Ende der Platte wie ein kleines Geschenk angefühlt. Okay, damals war ich zehn Jahre alt.

Tatsächlich hatte ich deine Alanis-Morissette-Erfahrung mit „Materia 3“. Es ist meine Lieblingsversion von diesem Stück, mit dem du dich vor Hildegard von Bingen verneigst. Beim Original konnte ich die Emotionen nicht so recht greifen, und ich glaube, erst durch diese verlangsamte Version habe ich das Stück so richtig verstanden.

Holter: Das kann ich komplett nachvollziehen, wobei ich bei dieser Version wirklich nicht mehr gemacht habe, als das Tempo zu drosseln und mehr mit Hall zu arbeiten. Mir persönlich geht es aber nicht um ein Verstehen, sondern wirklich nur um das Fühlen.

Wirklich? Ich wollte dir gerade vorschlagen, dass du zu deinen Alben immer auch einen Essay-Band veröffentlichst. Alle deine Veröffentlichungen haben einen spannenden Überbau, und ich würde unglaublich gern Texte von dir zu etwa Hildegard von Bingen, den Film „Ponyo“ oder das Liebeshormon Oxytocin lesen.

Holter: Ich bin keine besonders gute Essay-Schreiberin, außerdem gibt es andere, die sehr viel besser in diesen Themen sind. Wobei, glaubst du wirklich, dass das neben dir noch andere Leser:innen interessieren würde? (lacht) Ich denke zumindest mal darüber nach.

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